Deine Geschichte

Danielas Geschichte

Danielas Geschichte

Wer bin ich eigentlich? Was definiert mich und was macht mich aus? Fragen, die ich lange Zeit nicht beantworten konnte. Und mir auch heute manchmal noch das Gefühl von Leere geben. Aber ich bin einen großen Schritt weiter. Mittlerweile weiß ich, dass ich mich vor nichts und niemandem „definieren“ muss. Dass ich einfach ich bin. Einzigartig. Mit all meinen Schwächen. Und auch mit meinen Stärken, von denen ich lange dachte, ich hätte sie nicht.
Aber fange ich doch von vorne an.

Ich bin 29 Jahre alt. Eigentlich bin ich Hebamme und habe auch einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Ich mag diesen Beruf sehr, dennoch entschied ich mich vor einigen Jahren mich auf einen neuen Weg zu wagen – mein Traum vom Medizinstudium…

 

Schon damals trug ich eine Maske

Wenn ich aus heutiger Sicht an meine Kindheit und Jugend denke, erkenne ich, dass ich nie richtig glücklich war. Ich hatte nie beste Freunde, fühlte mich oft einsam. Ich weiß nicht warum sich die Dinge so entwickelten. Eigentlich war alles gut. Meine Eltern waren immer sehr fürsorglich für meinen Bruder und mich, es erschien alles ganz normal.

Doch ich trug schon damals eine Maske. Die Maske des lächelnden, freundlichen und lieben Mädchen. Diese Maske begleitete mich durch mein Leben. Durch schwere Schultage, in denen ich wegen meinen guten Noten gemobbt wurde, durch meine Ausbildung und auch während meiner Arbeit als Hebamme. Tagsüber lächelte ich, nachts ertrank ich in meinen Tränen und der inneren Leere. Ich erkannte nicht, dass etwas nicht mit mir stimmte. Nein, ich glaube ich wollte es nicht erkennen.

 

Ich begann Antidepressiva zu nehmen

Irgendwann arbeitete ich 80 Stunden in der Woche, denn dort wurde ich gebraucht und bekam die Anerkennung, die ich so sehr vermisste. Dann kam plötzlich, wie aus dem Nichts, mein Entschluss nochmal von vorne zu beginnen. Im Nachhinein weiß ich, dass die Entscheidung Medizin zu studieren, ein unterbewusster Warnschuss meiner Seele war, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Es musste sich etwas ändern, ich konnte nicht mehr.

Ein Medizinstudium ist jetzt vielleicht nicht gerade das, was man sich unter „einen Schritt zurücktreten“ versteht. Aber es war der Beginn eines neuen Lebensabschnittes. Ich suchte endlich ärztliche Hilfe auf, dachte, dass jetzt alles gut wird. Meine Psychiaterin diagnostizierte mir eine mittelgradige Depression. Ich begann Antidepressiva zu nehmen und versuchte einen Psychotherapieplatz zu finden. Ich dachte wirklich, dass es jetzt wieder alles normal wird.

 

Mein Suizidversuch scheiterte

Aber ich täuschte mich. Es wurde schlimmer und schlimmer. Meine Psychiaterin wies mich in eine psychiatrische Klinik ein. Dort probierten die Ärzte ein Antidepressiva nach dem anderen aus. Die wildesten Kombinationen, mit dem Ziel, dass es mir besser geht. Aber es ging nur bergab. Für Therapiegespräche war ich nicht mehr in der Lage, ich aß nicht mehr und die Suizidgedanken wurden mit jedem Tag mehr. Ich sah, dass meine Familie sehr mit mir litt, dass auch sie sehr verzweifelt waren. Ich war mir sicher, dass das einzige was ich noch war, eine Belastung für alle war. Für meine Eltern, meinen Bruder, die Freunde, die noch übriggeblieben waren, für Ärzte und Therapeuten. Ich wollte nur noch tot sein.

Mein Suizidversuch scheiterte. Damals war es das schlimmste vorstellbare Ereignis für mich, als ich auf der geschlossenen Abteilung wieder aufwachte. „Warum hat mich jemand gerettet? Ich bin doch eh nichts wert! Ich will doch nur tot sein.“ Heute bin ich froh darüber, dass mich ein komplett fremder Mensch gerettet hat und mir damit gezeigt hat, dass er mich für so wertvoll hielt, dass ich nicht sterben sollte. Ganz ohne mich zu kennen. Aber diese Erkenntnis benötigte Zeit.

 

Elektrokrampftherapie

Zunächst folgten noch viele schwierige Monate in der Psychiatrie. Da alle medikamentöse Versuche meine Depression zu lindern scheiterten, entschieden sich die Ärzte es mit einer EKT zu probieren. EKT steht für Elektrokrampftherapie. Dabei wird bei dem Patienten unter Vollnarkose eine Art epileptischen Anfall mittels Elektroschocks ausgelöst, um das Gehirn zu resetten. Es klingt vielleicht im ersten Moment furchtbar, aber diese Behandlungsmethode überzeugte in vielen Studien bei therapieresistenten Depressionen.

Und ich erlebte auch viele Mitpatienten, denen diese Therapieform half. Mir war zu diesem Zeitpunkt alles egal. Ich bekam so viele Beruhigungsmittel, dass ich sowieso nicht mehr klar denken konnte. Also willigte ich ein. Doch auch das half mir nicht. Ich fand die Behandlung schrecklich. Riesige Stücke in meinem Gedächtnis fehlten, die Narkosen mehrmals die Woche nahmen mir alle Kraft. Ich wollte nicht mehr. Versuchte aus der Klinik abzuhauen, wehrte mich gegen die geschlossene Station und lag irgendwann fixiert im Bett.

 

All die Arbeit hat sich gelohnt

Das war einer der demütigsten Momente meines Lebens. Aber vielleicht musste ich so tief rutschen, um in der Dunkelheit der Tiefe die Sterne oben erkennen zu können. Ich schmiedete neue Pläne, erkundigte mich über psychosomatische Kliniken und versuchte Ärzte und Therapeuten zu überzeugen, dass ich dorthin verlegt werden kann. Nach 39 furchtbaren EKT und nun insgesamt 18 Monaten Psychiatrie (mit einer kurzen Unterbrechung) bemerkten auch die Ärzte, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich wurde endlich verlegt.

In der Psychosomatik begann ich „richtig“ Therapie zu machen. Arbeitete viel an mir. Die Therapien brachten mich oft zur Verzweiflung und es war ein ewiges Auf und Ab. Aber ihr wisst bestimmt alle, was es bedeutet Therapie zu machen. Aber all die Arbeit hat sich gelohnt. Ich wurde stabiler, konnte sogar einige Medikamente absetzten. Nach weiteren 5 Monaten wurde ich entlassen.

 

Ich übe positive Gefühle zu fühlen

Das Ankommen im „Leben“ überforderte mich zwar Tag für Tag, doch ich war das Kämpfen ja jetzt schon gewöhnt. Und so ging ich Schritt für Schritt. Begann tatsächlich mit meinem Medizinstudium. Und obwohl mir wirklich alle gesagt haben, dass ich mich damit maßlos überfordern werde, habe ich nun die ersten beiden Semester bestanden. Momentan übe ich intensiv positive Gefühle wie Stolz zu fühlen und es mir vor allem auch zu erlauben überhaupt positive Gefühle haben zu dürfen.

Mein Leben ist immer noch oft ein Kampf. Manchmal lauert die Depression nur kampfbereit auf der anderen Seite, manchmal schlägt sie mich nieder. Aber die Tage und Stunden, an denen wir uns anschauen und vorsichtig überlegen einen Friedensvertrag zu knüpfen werden immer mehr.

 

Der Beweis, wie viel Mut in uns steckt

Ihr lieben Menschen da draußen, ich weiß, dass das Leben verdammt scheiße sein kann. Jeder von uns hat eine andere Geschichte, ist in anderen Meeren untergegangen. Aber eines haben wir gemeinsam: Wir haben es geschafft uns immer und immer wieder über Wasser zu halten und ans Land zu schwimmen, auch wenn wir dachten, dass wir eigentlich gar keine Kraft mehr haben. Und das beweist, wie viel Mut in uns allen steckt.

Wenn mich die Überforderung und Ohnmacht wieder überwältigen, versuche ich die nächste Stunde zu planen. Nur diese eine. Das ist überschaubarer und erscheint einfacher, als an den ganzen Tag oder gar das restliche Leben zu denken. Und über jede Stunde, ganz egal, was wir gemacht haben, dürfen wir stolz sein.

 

Gebt nicht auf!

Ich habe gelernt Schrittchen für Schrittchen zu gehen und zu glauben, dass ich noch Kraft habe, obwohl sie gefühlt seit Ewigkeiten leer ist. Ohne viele Menschen, die in den letzten Jahren auf die unterschiedlichste Art und Weise versucht haben mir zu helfen, wäre ich hier nie angekommen. Meine Familie, meinen Freunden, den Ärzten und Therapeuten in den Kliniken und auch mein ambulanter Therapeut, der glaube ich ziemlich viel Arbeit mit mir hat. ; )

Ich dachte so oft, es geht nicht mehr weiter, doch es ging. Bei mir und bei euch! Gebt nicht auf!

PS: Meine Erzählungen aus der Zeit in der Psychiatrie klingen vielleicht schlimm. Und ja, mir ging es in dieser Zeit auch wirklich sehr sehr schlecht. Trotzdem hat das Team dort mit allen Mitteln versucht mir zu helfen. Und auf dem Weg zum Ziel muss man manchmal auch anstregende Umwege gehen. Die Zeit dort hat mich trotz dieser Umwege weiter gebracht. Und ich möchte euch allen Mut machen, euch helfen zu lassen.

 

 


Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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