Deine Geschichte

Meryems Geschichte

„Keine Panik, es ist doch nur Angst“

 

„Wo in ihrem Körper spüren Sie die Angst?“

Diese Frage stellte mir meine Therapeutin oft. „Im ganzen Körper“, antwortete ich. „Von Kopf bis Fuß. Sie windet sich in jeder kleinen Ecke und fließt hier wieder zusammen zu einem Wirbel, der alle anderen Gefühle in sich verschlingt“. Ich legte dabei die Hand auf meine Brust und spürte meinen Herzschlag.

„Wie fühlt sie sich an?“ fragte sie weiter. Ich wusste nicht, wie ich sie beschreiben sollte. „Wie ein Ziehen, also etwas, das alles in sich hineinsaugt. Es tut im Kopf weh. Und im Herzen. Ich kann nicht essen oder trinken und auch nicht schlafen.  Also…ich weiß nicht. Mir ist ständig übel und mir ist heiß, aber meine Hände sind kalt. Ich schwitze. Und ich kann nicht richtig atmen.“

Ich habe schon oft versucht meine Angst zu beschreiben. In Gesprächen, in Texten. Aber ich konnte sie nie wirklich in Worte fassen. Komisch, denn ich denke fast die ganze Zeit über sie nach. Wie kann man etwas so intensiv fühlen und doch so schlecht beschreiben?

Die Angst hatte mich komplett im Griff

Mir fiel erst spät auf, dass ich Schwierigkeiten damit hatte unter Menschen zu gehen. Während meiner Schulzeit war das nicht so schlimm, denn meine Mutter übernahm alle Aufgaben für mich. Nachdem ich auszog und an die Uni ging, fing das Ganze so richtig an. Ich konnte in kein Seminar gehen, ohne daran zu denken, ob ich es überhaupt überleben würde. Ich fragte mich immer, was ich tun kann, um nicht aufzufallen. Wie ich dasitzen muss. Wie ich es vermeiden kann zu reden. Bei Referaten musste ich Tage vorher beginnen mich auf den ganzen Prozess vorzubereiten, der mich erwartete.

Schlaflose Nächte, alle paar Stunden erbrechen, Konzentrationslosigkeit. Ich konnte nicht telefonieren, nicht in Sprechstunden gehen, keine Mails beantworten. Ich hatte Angst meine Meinung loszuwerden, vor Gruppen zu sprechen und und und. Das alles laugte mich immer mehr aus. Es gibt viele Menschen, die mir nicht glauben, wenn ich ihnen sage, dass ich diese Angststörung habe. Zumal ich sehr gerne Theater spiele. Denn nach außen hin wirke ich oft selbstbewusst und so als würde mich die Meinung anderer nicht interessieren. Doch es gab viele Tage, an denen die Meinung anderer entscheidend war, ob es mir nun gut oder schlecht ging. Denn der permanente Gedanke, der immer da war und es manchmal auch immer noch ist, ist „Was denken die anderen über mich?“ und dieses ständige energieraubende Zerdenken.

Die Therapie lehrte mich viel über mich selbst

Als ich nicht mehr weiter wusste, wendete ich mich an die Beratungsstelle für Studenten. Ich bekam einen Termin bei einer Psychologin, doch nach drei Wochen meinte sie nur „Frau Polat, also Sie wissen ja eigentlich, was Sie tun müssen, um Ihre Angst loszuwerden. Deswegen würde ich sagen, dass wir die Sitzungen hiermit vorzeitig beenden.“ Ja, irgendwie wusste ich, dass diese Angst irrational ist und ich bis jetzt jede furchteinflößende Situation überwinden konnte. Aber sie war trotzdem noch da. Größer als je zuvor. Mir war nicht geholfen.

Nach ein paar Monaten hatte ich einen Termin bei meiner Hausärztin, die mich in eine psychotherapeutische Praxis überwies. Ich bekam dort eine dreiseitige Liste mit Therapeuten aus der Gegend und sollte einfach mal durchtelefonieren bis ich einen Termin bekam. Gar nicht so einfach für jemanden, der eigentlich nicht telefonieren kann. Doch der Wunsch nach Hilfe war größer als meine Angst.

Nach drei Monaten begann ich also eine Verhaltenstherapie, die über eineinhalb Jahre ging. Dabei lernte ich viel über mich. Zum Beispiel, warum ich meinen eigenen Wert nicht erkannte. Warum ich mir immer und immer wieder sagte, dass ich nicht gut genug sei, voller Fehler, unnütz, überflüssig, dumm und unfähig. Ich hatte das Gefühl ein kleines, schwaches, elendes Etwas zu sein, während ich gleichzeitig versuchte alles gut und richtig zu machen und meinen überperfektionistischen Ansprüchen an mich selbst gerecht zu werden.

Ich weiß, dass ich nicht perfekt sein muss – und auch nicht sein kann

Vielleicht kennt ihr das, wenn euch jemand fragt, was für gute Eigenschaften ihr an euch habt. Eventuell könnt ihr darauf antworten. Oder eben auch nicht. Ich konnte es nicht. Mir wäre ein Telefonat wahrscheinlich leichter gefallen als zehn Eigenschaften an mir aufzuzählen, die ich gut fand. Ich konnte nicht einmal eine finden.

Heute weiß ich, dass ich witzig bin, gut zuhören kann, dass ich ehrlich bin (naja, meistens), dass ich sehr guten Schokokuchen backe und vor allem weiß ich, dass ich es Wert bin. Durch und durch und durch. Weil ich Ich bin. Ich weiß auch, dass Schwächen dazugehören. Dass ich Schwächen zugeben kann. Dass ich nicht perfekt sein muss und es auch nicht sein kann. Ich weine jetzt auch im Gegensatz zu früher. Bei Filmen, vor anderen. Das wäre vorher gar nicht in Frage gekommen.

Es wird immer Herausforderungen geben

So positiv das klingen mag, muss ich ehrlich zugeben, dass ich immer noch Momente habe, in denen ich zweifle, verzweifle. In denen ich Angst habe, zu viel darüber nachdenke, was andere wohl über mich denken und der Situation lieber entfliehen würde. Momente, wo diese Angst manchmal so groß ist, dass ich nicht denken kann, nicht reden kann.

Ich kapituliere immer noch manchmal. Ich weiß auch, dass die Angst womöglich für immer ein Teil von mir bleiben wird. Aber ich habe auch gelernt, dass es da draußen viele viele Menschen gibt, die genau das gleiche erleben. Menschen, die Angst haben und manchmal nicht weiter wissen. Und ich möchte diesen Menschen sagen: Du bist nicht alleine und du schaffst das. Egal was.

Denn wenn ich sehe, dass du nicht aufgibst, wächst die Hoffnung in mir immer ein Stück mehr. Es ist in Ordnung diese Angst zu erwähnen, sie zum Thema zu machen. Wir sollten den Kampf anderer ernst nehmen, ihn nicht übersehen und wissen, dass ein „Du übertreibst“ oder „Das bildest du dir nur ein“ kein bisschen hilfreich ist. Wir sollten mehr darüber reden wie wir uns fühlen, was unsere Ängste sind und uns darüber bewusst sein, dass unser psychisches Wohlbefinden neben unserer körperlichen Gesundheit an höchster Stelle steht.

 

 

 


Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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