Ich bin NICHT meine Essstörung

Hallo, hier schreibt Tanja und ich freue mich, Dir heute im Mental Health Monat Mai etwas über mich und meinen Weg hin zur Selbstliebe, Selbstakzeptanz und Heilung zu erzählen. 

Vorab sei gesagt: Ich schreibe hier über sehr persönliche Erlebnisse aus meinem Leben und meinem Weg aus der Essstörung. Es könnte sein, dass Dich dieses Thema in irgendeiner Form triggert oder Dir nicht gut tut. Bitte achte auf Dich. 

Wer ist Tanja eigentlich? 

Ich bin eine waschechte Hamburger Dern mit deutsch/schwedisch/polnischen Vorfahren, einer lauten Klappe, einem großen Dickkopf und einem Hintern für zwei. Ich bin 41, Mutter eines fast 18-jährigen Sohns und lebe mit Boyfriend und Hundis am Hamburger Speckgürtel. Beruflich habe ich meine vielen Kurven in den Fokus gestellt und setze mich seit 2013 für dicke Frauen und Männer ein. Ich nenne sie liebevoll „Plus Size Sisters and Brothers“. 

Für mich ist eine Gesellschaft bunt und vielseitig. #Bodypositivity,  #Selflove,  #Diversity ,  #Beauty  und  #Empowerment  sind mein Credo. Mit jeder Menge Power im Gepäck möchte ich zeigen, dass die Welt bunt ist, alle  Körper  ihre Daseinsberechtigung haben und alle Menschen sich wohl darin  fühlen  könne n und sollten. Frauen ein Vorbild zu sein, sie zu inspirieren, zu beraten und zu  fördern  liegt mir dabei ganz besonders am Herzen.  Ich möchte  begeistern, motivieren und animieren, nicht auf einen schlanken Körper zu warten. Doch das war nicht immer so… 

Wie geht man damit um, wenn einem ständig alle sagen, dass man zu viel is(s)t?  

Eine starke Frau zu sein, die sich liebt und sich besser fühlt, die sich als wertvoll erachtet und ihren Weg geht, das hat gedauert. Sehr lange sogar, denn meine Essstörung „Binge Eating“ hat mir stets und ständig gesagt, dass ich nicht wertvoll bin. 

Zu erkennen, dass ich mir über die Jahre einen Schutzpanzer geschaffen habe, der meine Gefühle erstickt, mich nach Außen abschirmt und mich isoliert, das war harter Tobak. Komischerweise dachte ich, dass mein Panzer mich unsichtbar macht. Welch Ironie bei Körpergröße 186cm und Konfektion 54. 

Schon immer war ich »zu groß« und »zu laut« und »zu viel«. Sprich: Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit, dann kann ich mich nicht daran erinnern, mich jemals nicht mit meinem Körper beschäftigt zu haben. Zumindest kann ich nicht sagen, dass ich mich jemals normal gefühlt habe. Niemals! Und allein diese Tatsache hat mich viele Jahre sehr wütend gemacht. 

Es fühlt sich an als wäre es gestern gewesen.. 

Ich sehe mich auf Klassenfahrt, in der dritten Klasse, auf dem Deich stehend. Artig aufgestellt wie die Zinnsoldaten in einer Reihe, zum Abmarsch bereit. Meine Haare wehen im Wind, ich habe sie mir nicht zum Pferdeschwanz gebunden, wie es mir meine Mutter aufgetragen hatte. Ich kleine Rebellin. Ich trage ein giftgrünes Ensemble bestehend aus Shorts und ärmellosem Hemdchen. Ich sehe meine Beine. Und ich werde traurig. Denn alle Menschen in meinem Umfeld haben mir damals gesagt, dass ich viel zu dicke Beine für diese giftgrünen Shorts habe und dass mein »Entenarsch« in diesem Outfit besonders unvorteilhaft zur Geltung kommt.  

Da war ich gerade mal acht Jahre alt. Ich frage mich, wie ich die ständige Bewertung meines Körpers ausgehalten habe und wie ich das auch heute noch manchmal hinbekomme. In meiner Jugend war keiner da, der sich mit den großen Gefühlen der kleinen Tanja beschäftigen konnte oder sie gar verstand. 

 Ich habe erst mit Mitte dreißig erkannt, dass mein Fett eine Schutzfunktion hatte und es auch heute noch teilweise hat. Es hat mich Jahrzehntelang beschützt, gewärmt, geliebt und getragen. In guten wie in schlechten Zeiten… Ihr findet dazu auf meinem Kurvenrausch Blog eine Kolumne namens „Bye Bye Panzer“, die ich Euch hier mal verlinke. 

Wie kannst Du aus Deiner vermeintlichen Schwäche eine Stärke machen? 

Nachdem ich anfing, viele Bücher zum Thema Essstörung zu lesen und einige Therapie-Sitzungen in Anspruch nahm, erkannte ich, dass dieser Weg lang sein wird, aber ich auf jeden Fall anderen Frauen Mut machen möchte. 

 

Es hört sich simpel an, aber die ersten bewussten Schritte waren: „Einfach tun“ 

Ich las das Buch „The Spirit Junkie“ von Gabriele Bernstein und erkannte, dass ich meiner Geschichte, die ich mir ständig selbst erzähle, nicht glauben muss. Ich erkannte, dass ich meine „traurige“ Story in eine positive umwandeln kann. Ich schrieb alle negativen Gedanken, die ich über mich habe, auf ein Blatt Papier. Später strich ich jeden Satz durch und besetzte ihn positiv. 

Ich begann mich zu vernetzen, wollte andere Menschen finden, denen es wie mir geht. Fing an Fragen zu stellen, die meine ganze Welt auf den Kopf stellten. Denn meine Neugier und das Entdecken der Plus Size Community haben dazu geführt, dass ich eine ganz neue Welt entdeckt habe. In der Vielfalt sichtbar und spürbar ist. In der ich Frauen sehe, die ebenfalls sind, wie ich. Und das Beste: Ich startete aus dieser Euphorie heraus meinen Kurvenrausch-Blog, welcher der Start in mein neues Leben und ein ganzes Business war. 

Es gibt unterschiedliche Schönheitsideale

Für mich war diese Erkenntnis eine große Veränderung. Es ist nicht so, als hätte ich es vorher nicht gewusst. Vielmehr gab mir die Plus Size Community eine Identifikationsmöglichkeit, die bis heute ihresgleichen sucht. Meinen Weg zur Genesung und Heilung meiner Essstörung, den gehe ich gerade und es fühlt sich gut an. Wenn auch echt nicht immer leicht und mit Rückschlägen gepflastert. 

Meine größte Erleichterung war das Schreiben meines Buches „Size Egal – Dein Selbstbewusstsein kann nicht groß genug sein.“, welches ich gemeinsam mit meiner Freundin Caro Matzko im ersten Corona Lockdown schreiben durfte. Es ist im Lübbe Verlag erschienen. 

Generell kann ich sagen, dass meine Essstörung ein Teil meiner Geschichte ist, ich mich aber nicht von ihr definieren lasse. Lasst Euch nicht von der Vergangenheit festhalten. Versucht nach vorne zu leben, zu denken und zu fühlen. Bewertet nicht alles. Nehmt Euch manchmal einfach hin.  

Wartet nicht auf schlanke Zeiten. Euer Leben ist jetzt. Dann ist der Blick in den Spiegel und der ganze Rest einfach und endlich Size Egal.  


– Foto von Alexandra Kern –

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