Wie Musik mein Leben nachhaltig verändert hat

Hallo, ich bin Thomas, 36 Jahre alt, lebe in Berlin und hoffe eines schönen Tages mein Auskommen mit Musik zu bestreiten. Nebenbei arbeite ich als Großhandelskaufmann in einem Onlinegroßhandel. 
 
Ich hatte als Kind und Jugendlicher meiner Einschätzung nach noch keine schweren depressiven Phasen, aber ein gewisser Leidensdruck war auf Grund jahrelanger angespannter familiärer Verhältnisse dennoch schon immer gegeben. Den ersten schweren „Absturz“ erlebte ich Anfang meiner 20er, bei dem auf einen Burn-Out eine schwere Depression, Angstzustände und Panikattacken folgten, mit denen ich damals ca. 1,5 Jahre zu kämpfen hatte.  
 
Im Rückblick scheint es mir heute klar, dass ich auf ein tiefes Loch zugesteuert bin. Damals habe ich das aber überhaupt nicht wahrgenommen. Ich war jung, beruflich standen die Zeichen auf Aufstieg. Dafür habe ich allerdings auch jeden Monat 200 Stunden plus X gearbeitet und das Hamsterrad ordentlich bedient. 

Die ersten Panikattacken kamen völlig überraschend

Damals, in einem Urlaub hatte ich die ersten Panikattacken, welche ich überhaupt nicht als solche wahrgenommen habe. Ich dachte, es liegt ein physisches Problem vor und nachdem sich diese Zustände nach der Rückkehr von der Reise nicht eingestellt haben, bin zu zum Arzt gegangen und habe sämtliche Checks absolviert, die man so machen kann. 

Mein Arzt sagte mir damals, wir sollten alle körperlichen Ursachen ausschließen und feststellen zu können, ob eine psychische Ursache dahinter steckt. Nun, dies hat sich dann recht schnell auch so bewahrheitet. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits monatelang Schlafstörungen und habe versucht meine allgemeine schlechte Verfassung mit mehr Arbeit (aus heutiger Sicht reiner Irrsinn), Alkohol, sowie Betäubungsmitteln, zu übertünchen.  
Da mich immer häufiger Panikattacken heimsuchten und ich insgesamt in einem immer schlechteren Zustand war, habe ich mich schließlich krankschreiben lassen. 

Dann ging es richtig abwärts  

Ich habe tagelang, unzählige Stunden im Bett gelegen und an meine Zimmerdecke gestarrt. Das hat sich für einige Zeit hingezogen. Versuche, aktiv zu bleiben und wenigstens Kleinigkeiten des Alltags zu erledigen, wie einkaufen gehen oder einfach nur spazieren gehen wurden mit sofortigen Panikattacken quittiert. Öffentlichkeit ging immer Hand in Hand mit einem Gefühl der Beklemmung und Angst, die zwar irrational aber oft genug völlig überwältigend war. Wie eine Welle, die über einem hereinbricht und einen einfach wegspült, ohne dass man etwas dagegen tun kann. 
 
Nun war mir zwar bewusst, dass sich hieran dringend etwas ändern musste, die Umsetzung fiel mir allerdings unendlich schwer. Auch die Hilfe, die mir meine damalige Freundin in Form von Terminbuchungen bei Therapeut:innen für Erstgespräche und Ähnlichem zukommen lassen wollte, habe ich aus völliger Überforderung abgeblockt. Ich wurde wütend und habe mich auch von ihr abgeschottet und mich immer weiter in mich und mein Loch zurückgezogen.  

Die ersten Schritte waren mühsam

Auf Empfehlung meines Mitbewohners habe ich mich schließlich mit einer Psychiaterin in Verbindung gesetzt, die er durch die Behandlung eines Familienmitglieds bereits kannte. Ich musste lernen zu akzeptieren, dass ich krank bin und Hilfe benötige, um von dieser Krankheit zu genesen. Hier wurde dann der Burn-Out bzw. Erschöpfungszustand, wie es damals benannt wurde, in Verbindung mit einer schweren Depression festgestellt und eine medikamentöse Behandlung aufgenommen. Dies war ein erster Schritt überhaupt etwas zu unternehmen. 

Die verschriebenen Medikamente hatten allerdings zunächst eine völlig contraire Wirkung und ich wurde von Suizidgedanken geplagt. Darauf hin wurden die Medikamente gewechselt und ich habe für morgens etwas zum in die Gänge kommen und abends etwas zum Runterfahren bekommen. Das hat zwar mittelfristig geholfen, auf lange Sicht habe ich mich allerdings wie ein ferngesteuerter Zombie gefühlt. Nach ca. einem Jahr medikamentöser Behandlung habe ich dann die Entwöhnung begonnen, da die Nachteile der Medikamente die Vorteile für mich überwogen haben. 

Hier allerdings ergänzend der Hinweis, dass diese Erfahrung natürlich subjektiv ist. Medikamente helfen vielen Menschen aus schweren Krisen und können eine wichtige Stütze auf dem Weg zur Heilung sein.

Der Lichtblick kam durch Veränderung 

Bis ich einen festen Therapieplatz bekam, zwang ich mich dazu, mich meinen Ängsten und Panikattacken immer weiter zu stellen, um mein Gehirn neu zu konditionieren. Nach einiger Zeit bekam ich einen Therapieplatzbei der Berliner Akademie für Psychotherapie. Der Lichtblick kam damit, dass ich gegen Ende der Therapie beschlossen hatte, den Beruf zu wechseln und gekündigt habe.

Daraus hatte sich auch ergeben, dass ich wieder aktiv Musik machen konnte, was vorher auf Grund der beruflichen Auslastung nicht möglich war. So tauschte ich mein altes Berufsleben gegen die Arbeit in der Veranstaltungsbrache und dem Spielen von Shows und Touren. Nach ein paar Shows um wieder reinzukommen ging es dann auf eine fünfwöchige USA Tour, die meinen Weg und meine Entscheidungen vollends gefestigt hat.

Diese Entscheidung hat mich verändert

Mit dieser Tour habe ich meinen Weg gefunden und zum ersten Mal war ich wirklich zufrieden und innerlich ausgeglichen. Einige Jahre und viele Shows später arbeite ich 30h die Woche in meinem erlernten Beruf als Großhandelskaufmann, der mir zum Glück bezüglich meiner Musik alle Freiheiten ermöglicht. Sicher träume ich immer noch davon, nur Musik zu machen, aber der Status Quo ist als Ausgleich zum gesicherten normalen Leben auch in Ordnung.

Ich spiele Bass in der Band Oceans, die ich mit langjährigen sehr engen Freunden vor ein paar Jahren gegründet habe und in der einer der zentralen lyrischen Punkte die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen und die Schaffung von Aufmerksamkeit für diese Themen ist. Eine kathartische Wirkung hat es dazu natürlich auch noch und jeder von uns hat direkte Berührungspunkte mit dem Thema, was die gemeinsame Arbeit für mehr Aufmerksamkeit zum Thema Mental Health enorm bestärkt. 

Ich weiß jetzt, dass es immer einen Weg raus gibt

In der Regel geht es ca. alle zwei bis drei Jahre für mich nach wie vor in ein größeres Loch. Allerdings habe ich über die Jahre gelernt, besser damit umzugehen und es schneller wahrzunehmen und entgegenzuwirken, so gut es geht.  
Heutzutage versuche ich mich gut zu ernähren, wenig zu trinken und sonst die Finger von allem zu lassen, was die Palette an Substanzen zur Ablenkung zu bieten hat. Ich treibe regelmäßig Sport und reise so viel ich kann.

Alles in allem geht es mir gut und ich weiß inzwischen so sehr es auch nach Plattitüde klingt, dass nach dem Dunkel immer wieder auch das Licht kommt. Das bedarf oft einer enormen Anstrengung und der Überwindung der eigenen vermeintlichen Grenzen aber eine gute Alternative dazu gibt es einfach auch nicht.  

Photo ©Thomas Fritsche (Nightshark Photography) 

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