Deine Geschichte

Lydias Geschichte

Lydia wurde in der Schule gemobbt und ging dann in die Tagesklinik

Mein Name ist Lydia, ich bin 20 Jahre alt und studiere Pharmazie. Dafür bin ich von zu Hause ausgezogen und habe 400 km entfernt von Familie und Freunden mein Glück gesucht. Ich wollte neu anfangen und die Vergangenheit hinter mir lassen. Jetzt bin ich gespannt, welche Herausforderungen mein Leben noch für mich bereithält, denn ich habe keine Angst mehr davor.

Außenseiter

Ich war ein kränkliches Kind, geboren mit Herzfehler und so vielen orthopädischen Mängeln, dass es an ein Wunder grenzt, dass ich überhaupt laufen kann. Ich war schon immer introvertiert und hab mir lieber eine heile Fantasiewelt gebaut, als mich mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Kurz gesagt war ich immer anders als die anderen und ein Außenseiter.

Die Schule fiel mir ohne große Anstrengungen leicht, was für Neid bei meinen Mitschülern sorgte. Weil mein Interesse eher Büchern galt als meinem Aussehen, Mode, Make-up oder irgendwelchen Trends, war ich für ihren Spott ein leichtes Ziel. Statt mit meinem Namen riefen sie mich „Streber“, „Scheiße“ oder „Das hässliche Mädchen“. Mir wurden Beine gestellt und Sachen geklaut.

Der einsamste Mensch der Welt

Wenn dir jeden Tag gezeigt wird, dass man dich hier nicht will, dir gesagt wird, dass du hässlich und nichts wert bist, dann fängst du irgendwann an das zu glauben und wirst zu dem Menschen, den andere dir aufzwingen zu sein. Ich hatte keine Freunde, die sich für mich eingesetzt haben, die Lehrer haben nichts gesagt und meine Mutter war für mich keine Vertrauensperson. Ich hatte eher Angst mit ihr zu reden. Ihre Ehe stand kurz vor dem Aus und ich fühlte mich dafür schuldig, weil sie über Jahre für ihre kranke Tochter so viel Zeit und Energie opfern musste. So tränkte ich jeden Abend still mein Kissen mit Tränen.

Es fühlte sich an, als wäre ich der einsamste Mensch der Welt. Ich lebte nicht mehr, sondern vegetierte viel mehr in trister Monotonie vor mich hin. Wochen, Monate, Jahre… Ich verlor den Boden unter meinen Füßen, war gefangen in der Dunkelheit meiner Gedanken und fiel weiter und weiter in die bodenlose Tiefe meiner Depression. Die Worte der anderen schnitten wie Messer in mein Fleisch, mein Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl lagen in Scherben. Ich wusste, wo diese Reise früher oder später enden würde, versuchte mir immer selbst neuen Mut zu machen, den Sturz in die Tiefe irgendwie zu bremsen und zog mit meiner letzten Kraft schließlich die Notleine.

Vom Arzt zum Psychologen zur Tagesklinik

Ich ging zu meinem Arzt und ließ mich zum Psychologen überweisen. Das meiner nichts ahnenden Mutter zu erklären, war für mich schrecklich. An diesem Punkt war es mir aber egal, denn ich stellte zum ersten Mal meine Interessen und meine Gesundheit über den Willen anderer. Sie war geschockt, voller Unverständnis und ich war so unbeschreiblich wütend, weil es ihr scheinbar wichtiger war, ihren Schein der heilen Familie aufrechtzuerhalten, als mir zu helfen. Sie begleitete mich trotzdem zum Termin und noch in derselben Woche bekam ich einen Platz in einer Tagesklinik.

Dort fühlte ich mich zum ersten Mal wirklich ernst genommen. Die Betreuer sagten mir immer, wie stark ich doch sei, weil ich es allein so weit geschafft habe. Die anderen Patienten schätzten mich als Gesprächspartnerin und auch weil ich viel verstand und ihnen gerne bei den Hausaufgaben half. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich wertgeschätzt und verstanden und das war großartig. Ich lernte auf mich selbst zu achten, meine Fehler zu akzeptieren, neue Kraft aus den kleinen Dingen zu ziehen, niemals aufzugeben. Ich machte schnell Fortschritte, lernte meine Meinung zu sagen, mich nicht kleinmachen zu lassen und fand mein Lachen wieder.

In der Schule warteten die Leute schon darauf mich wieder mit den wildesten Gerüchten zu empfangen, aber mir war dieses Gerede inzwischen egal. Ich machte mein Abitur, zog weg und fand neue Leute, die mich so akzeptiert haben, wie ich bin. Es ist nicht so, dass seitdem alles nur noch glatt und gut laufen würde. Ich habe immer noch Tiefs, in denen mir manchmal alles zu viel wird und ich am liebsten alles hinschmeißen würde. Manchmal fühle ich mich all dem nicht gewachsen, aber ich erinnere mich dann, was ich alles schon geschafft habe und mache einfach weiter …

Die Zukunft ist ein Abenteuer

Es ist keine Schande sich Hilfe zu suchen! Das ist kein Zeichen von Schwäche oder Kapitulation, sondern eine Stärke zu wissen, wann man nicht mehr allein weiterkommt, Hilfe annimmt und bereit ist an sich zu arbeiten, um etwas an seiner Situation zu ändern. Diese Veränderung kostet Kraft, aber es ist die Mühe wert. Ihr seid es wert! Jeder Mensch hat das Recht darauf glücklich zu sein.

Für mich kam ein Suizid eigentlich nie infrage. Sterben ist leicht, leben ist schwerer, aber es gibt so viel für das es sich zu leben lohnt! Man muss es nur finden. Gerade wenn alles trostlos scheint, hilft es die Schönheit in den kleinen Dingen zu suchen: das Rascheln des Winds in den Blättern, der Geruch der Luft nach dem Regen, der Geschmack des Lieblingsessens …

Die Zukunft ist immer ungewiss und ein Abenteuer, aber eins ist sicher: Auch jeder noch so kleine Schritt bringt einen näher ans Ziel oder raus aus der Depression. Man muss nur irgendwann anfangen. Gib niemals die Hoffnung auf, sie ist das Kostbarste was du besitzt und vergiss nie, dass auch hinter den Regenwolken irgendwo die Sonne scheint. Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute.

 

 


Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

Kommentar verfassen