Deine Geschichte

Julias Geschichte

Hi, ich bin Julia, 26 Jahre alt. Zur Zeit bin ich Produktionshelferin.

Ich war eigentlich immer ein fröhliches Kind. War gerne unter Menschen, vor allem draußen mit Freunden, spielen. Bis sich dann im Jugendalter das Blatt gewendet hat.

Der Schein der heilen Familie

Meine Mama hatte sich von meinem Papa geschieden, lernte ein paar Jahre später meinen damaligen Stiefvater kennen – für mich war er mein Papa. Wir haben vieles unternommen, vor allem als Familie. Für ein Kind war es quasi die perfekte Familie. Doch der Schein trügte oft. Meine Mutter und mein Stiefpapa tranken oft gemeinsam Alkohol, dadurch explodierte häufig die Stimmung.

Ich musste miterleben wie mein Stiefpapa meine Mama verprügelte und das nicht harmlos. Es flogen mal Teller, mal Gläser.. Ich hatte das Gefühl meine Mutter beschützen zu müssen, das tat ich auch. Ich ging immer dazwischen. Diese Handgreiflichkeiten gingen so weit, dass meine Mutter sich mal das Leben nehmen wollte, in der Küche, vor meinen Augen.

Mein „Vater“

Mein Stiefvater war wie ein Papa für mich. Er las mir oft vorm Schlafen gehen aus dem Buch vor, war immer da. Ein Papa halt. Bis er sich eines Abends an mir vergriff. Dieser Moment änderte alles. Er änderte meine Zukunft, ohne das ich jemals an meine Zukunft gedacht habe. Ich hatte sie noch nicht einmal geplant.

Seit dem Zeitpunkt baute ich mir eine Art Mauer um meine Seele auf, meine Persönlichkeit. Niemand durfte da ran. Niemand. Ich habe das Essen gemieden, Freunde wollte ich keine – warum auch? Ich traute sowieso niemanden. Mir war es egal, was mit mir passierte.

Nach ein paar Jahren erzählte ich meiner Mama von dem Übergriff, wir zogen sofort aus. Und meine Mama ging mit mir vor Gericht – gegen meinen Stiefvater. Es waren die härtesten Tage meines Lebens. Meine Mutter stand in der Zeit hinter mir, doch auch das änderte sich. Schnell wendete sich das Blatt.

Ich bin Schuld

Meine Mama gab mir für alles die Schuld. Ich sei Schuld daran, dass ihr Leben so verlaufen ist. Schuld daran, dass sie Pech mit den Männern hat. Das prägte sich so in meinem Kopf, meiner Seele und meinem Herzen ein, dass sich mein Leben darum drehte, meiner Mama alles Recht zu machen. Dinge wieder gut zu machen. In meinem Leben drehte es sich nur um das Wohlbefinden meiner Mama. Meiner Mama muss es gut gehen, nicht mir. Meine Bedürfnisse waren nicht wichtig.

All das zog mich so runter. Ich ging nicht mehr zur Schule, wollte nicht mehr raus, mied die Einladungen von Freunden. Ich zog mich zurück. Gedanken vom Tod wurden stärker – „Ich will nicht mehr Leben!“ – „Ohne mich ist jeder besser dran!“

Der Wendepunkt

Bis dann die Wende kam. Ich entschied mich zum Arzt zu gehen, als es nicht mehr ging. Ich schilderte ihm meine Probleme und ich bekam sofort eine Einweisung für die Klinik.

Dieser Klinikaufenthalt war mein größter Erfolg. Nein, quatsch. Mein größter Erfolg war der Schritt zum Arzt, die Einsicht „Ich brauche Hilfe!“. Dann der Klinikaufenthalt. Die ersten zwei Wochen waren die schlimmsten. Doch ich war stark und habe durchgehalten. Ich musste mich auch erstmal durch die ganzen Diagnosen schlagen – Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörung, Borderline und und und. Das war neu für mich. Aber die Klinik half mir die Diagnosen zu verstehen und woher sie kommen.

Ich finde immer mehr zurück ins Leben

Ein Erfolg ist für mich auch endlich wieder täglich zu essen und zu trinken. Ich kann endlich „Nein!“ sagen, ohne dass ich mich schlecht fühle. Ich habe gelernt auf meine Bedürfnisse zu hören, sie wahrzunehmen, meine Gefühle zu verstehen und einzuschätzen, ob sie angemessen sind. Doch auch all das fällt mir bis heute noch etwas schwer – deswegen bin ich bis heute noch in Therapie.

Aber es tut mir gut. Ich stehe dazu! Mir geht es besser als die Jahre davor. Und das obwohl mir heute ab und zu noch die Decke auf den Kopf fällt, aber da habe ich immer Tricks und Erinnerungskärtchen, die mir sagen, dass das Leben schön ist.

Lasst niemals zu, dass euch jemand das Leben nimmt. Lasst euch niemals das Lachen nehmen und schon gar nicht die Lebensfreude. Ihr seid stark und vor allem nicht allein. Es lohnt sich immer, auch wenn es manchmal aussichtslos erscheint, ES LOHNT SICH. Holt euch Hilfe. Es ist keine Schande sich Hilfe zu holen, im Gegenteil, es zeugt von Stärke und ihr seid stark. Wir sind stark. Und vor allem, egal welche Krankheit ihr habt, sie gehört zu euch. Ja, es wird nicht leicht, aber ich kann euch sagen, man lernt damit zu leben.

Das Leben ist schön!


Wenn du gerade mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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