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Deine Angst muss nicht Dein Leben bestimmen!

Ich habe eine generalisierte Angststörung. Das bedeutet für mich, dass ich mir über das „normale“ Maß hinaus Sorgen mache und Ängste entwickelt habe, die sich salopp gesagt auf alles Mögliche beziehen. Ich sorge mich unentwegt über verschiedene Dinge, male mir mögliche Szenarien aus und wäge Risiken ab. Dadurch entstehen Anspannungsgefühle, die sich negativ auf meine körperliche Gesundheit und mein Verhalten auswirken.

Ich tue das nicht absichtlich. Nein, es passiert ganz automatisch. Deshalb gehört die Angststörung auch zu den psychischen Erkrankungen, die es zu behandeln gilt, da man sie allein selten wieder in den Griff bekommt und sie einen hohen Leidensdruck verursacht. Gut gemeinte Ratschläge á la „davor musst du keine Angst haben.“ oder „Stell dich doch nicht so an.“ sind dabei leider keine Hilfe, da dieses Verhalten keine bewusste Entscheidung ist.  

Ich baute mir selbst einen Käfig um mich sicher zu fühlen

Für mich war ein geregelter Tagesablauf lange das Grundgerüst, in dem ich mich einigermaßen sicher fühlte. Läuft jeder Tag gleich ab, habe ich wenig zu befürchten. Ich kenne die Dinge, die auf mich zukommen, kann deren subjektiv empfundenes Risiko einschätzen und habe selten Überraschungen zu erwarten.

Innerhalb dieses Alltags bewege ich mich überwiegend frei von starken Ängsten oder Panikattacken. Doch seien wir mal ehrlich. Dieses für mich so vermeintlich sichere Gerüst ist eigentlich ein Gefängnis mit stabilen Gitterstäben und einer noch höheren Mauer.

Durch Angst fordern selbst die schönsten Vorhaben großen Kraftaufwand

Spontane Wochenendtrips oder Urlaubsplanung in entfernte Länder? Festival- oder Konzertbesuche? Einfach mal machen? All das bedeutet für mich Stress pur. Schon Tage oder gar Wochen vorher beginnt die Maschinerie der möglichen Szenarien in meinem Kopf. Wo lauern potenzielle Gefahren und wie könnte ich diese vermeiden. Sage ich den Urlaub wieder ab? Verkaufe ich bereits angeschaffte Konzertkarten wieder oder lasse ich sie einfach verfallen und sage ich bin krank? Wie soll ich das schaffen? Und vor allem: Was könnte dabei alles passieren?

So eine Angststörung ist unglaublich anstrengend und kräftezehrend. Wenn ich darüber nachdenke, wieviel Zeit und Energie mein Gehirn schon damit verbracht hat, über Dinge nachzudenken, die niemals eingetreten sind, dann gleicht das der reinsten Verschwendung von kostbarer Lebenszeit.

Ich habe mal den netten Vergleich aufgeschnappt, dass Sorgen und Ängste im Übermaß in etwa so sinnvoll sind wie ein Kühlschrank, der mit offener Tür benutzt wird. Würde unter normalen Umständen auch niemand machen. Kostet ja auch zu viel Energie. Tja und genau da liegt das Problem. Unter normalen Umständen. Aber genau die herrschen nun mal nicht. Und aussuchen kann man sich das Ganze ja leider auch nicht. 

Du kannst lernen, Deine Angst zu kontrollieren

Für die Erkenntnis allein, dass ich das was sich da in meinem Kopf abspielt, nicht zwangsweise ertragen muss, bin ich unheimlich dankbar. Überhaupt erstmal eine Erklärung zu finden, warum man vieles als unglaublich anstrengend empfindet, was anderen Menschen allergrößte Freude bereitet, war für mich ein wirklicher „Aha“-Moment. Man spielt die eigenen Probleme ja gerne runter. Ist doch nicht so schlimm. Dann bin ich eben ein ängstlicher Typ. Man muss ja nicht überall dabei sein. Und außerdem ist jeder anders…

Na klar, die ängstlichen Typen gibt es auch, aber wenn der eigene Leidensdruck so groß ist, dass er den Alltag dominiert, dann sollte man aufmerksam werden. Wenn man Dinge nicht tut, aus reinem Vermeidungsverhalten heraus und wehmütig den Erlebnissen anderer Menschen zusieht. Wenn man keine Kraft mehr hat, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen oder gar aus reiner Erschöpfung in eine Depression rutscht, dann wird es allerhöchste Zeit zu handeln. 

Es ist ein Prozess der Zeit und Training benötigt

Meine Angst begleitet mich nun schon ein paar Jahre. Mal spürbar, mal weniger stark, mal sehr ausgeprägt. Ich habe einige Strategien erlernt und Wege gefunden damit umzugehen. Sei es das Schaffen von bestimmten Rahmenbedingungen für Situationen, die ich unter normalen Umständen eher meiden würde oder das Einbinden von Vertrauenspersonen, die sich als Hilfe oder Stütze erweisen.

Es gibt auch heute noch Ereignisse, die mich aus der Bahn werfen und dafür sorgen, dass ich in alte Verhaltensmuster rutsche. Die dafür sorgen, dass alte Ängste wieder wachsen oder Gedanken sich verselbstständigen. Aber ich bin dem nicht mehr hilflos ausgeliefert. Ich gehe achtsam mit mir um, nehme meine Ängste wahr und nehme sie ernst.

Auch heute noch nehme ich professionelle Hilfe in Anspruch und nutze die Möglichkeiten der therapeutischen Arbeit. Denn ich habe mittlerweile verstanden und akzeptiert, dass ich es mir wert sein darf. Und dass ich Hilfe annehmen sollte, wenn ich sie benötige. Ich muss mich nicht quälen. Ich kann auch ein Stück meiner Last abgeben. Mit anderen Menschen darüber sprechen und meine Ängste mitteilen. Es gibt Wege aus dieser Krankheit. Und vor allem: Ich bin damit nicht allein. 


Wenn du gerade mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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