Deine Geschichte

Hannas Geschichte

Veröffentlicht

Gerade bin ich 20 Jahre alt geworden und kurz davor, mit dem Studium zu beginnen, von dem ich seit meiner Kindheit träume : Operngesang.

Meine Kindheit habe ich großteils sehr glücklich in Erinnerung: viele Geschwister, viele Cousins und Cousinen, viele Freunde im Kindergarten, wunderschöne Sommerferien in den Bergen und liebende Eltern.

Sehr glücklich also, wenn man die Ereignisse weglässt, die ich bis zu meinem 13. Lebensjahr vollkommen verdrängt hatte. Denn neben all den schönen Erlebnissen gibt es da noch eine andere Version der Geschichte.

Eine Geschichte, die das Bild trübt und so gar nicht hineinpasst.

Meine Erinnerungen kamen alle auf einmal zurück, ohne Vorwarnung. Und das im ungünstigsten Moment im Leben eines Mädchens: In der Pubertät. In einer Zeit, in der man sich auch so schon völlig alleine fühlt.

Die ersten Erinnerungen die ich habe, reichen zurück bis ins Alter von etwa 3 oder 4 Jahren, ich würde sagen hier begann alles. In den wunderschönen Sommerferien mit meinen vielen Geschwistern und Cousins. Immer und immer wieder, über Jahre hinweg, gab es in sämtlichen Ferien viele, viele Gelegenheiten ein kleines Mädchen für Mutproben zu benutzen. Mutproben jeglicher Art, und immer von sexueller Natur. Die Erinnerungen daran sind nicht allzu genau, nur manche Gefühle sind eingebrannt, als wäre es gestern gewesen. Und auch die vielen Gesichter der Jungs, die auf mich herunterschauen wie ich am Boden liege.

Damals wusste ich nicht was daran falsch war, nur dass man es niemals jemandem erzählt, das wusste ich. Im Kindergarten habe ich aber anderen Kindern von Sex erzählt, auch meinem kleinen Bruder habe ich das geschildert, was mir widerfahren war. Noch heute fühle ich mich deswegen furchtbar, auch wenn er mir nach einem späteren Gespräch versichert hat, dass er das einfach als kindliches Spielen gesehen hat.

Ich merkte, dass das was passierte nicht richtig sein konnte

In meiner nächsten Erinnerung die ich habe wusste ich schon, dass das alles nicht gut ist. Ich wollte das nicht und wehre mich. Diesmal gegen einen einzelnen Jungen. Ich musste mich sehr oft wehren, hatte aber Glück dass er auf das hörte was ich sagte. Meine Mutter wusste damals von diesen Zwischenfällen, hat aber nichts unternommen außer mich zu zwingen es ihr zu sagen, wenn es wieder einmal passierte. Heute sehe ich das als einen großen Fehler, der vielleicht spätere Katastrophen hätte verhindern können.

Die Zwischenfälle, die mir heute noch am meisten zu schaffen machen, sind die schmerzhaften „Besuche“ meines Bruders, der sich immer wieder bereit erklärt hat mich zum „Mittagsschlaf hinzulegen“. An diese Situationen kann ich mich sehr genau erinnern. Ich kann die Schmerzen, die ich damals erlitt noch genau nachfühlen und die Tränen auf meiner Wange, als ich ihn gebeten habe, es diesmal nicht zu machen.

Lange habe ich diese Erlebnisse für mich behalten

Als ich 15 war kam es zu einem weiteren Vorfall. Diesmal war es ein älterer Mann, der mich in aller Öffentlichkeit begrapscht und geküsst hat. Ich war wie gelähmt. Das war das einzige Mal, dass ich versucht habe die Sache strafrechtlich anzugehen, ohne Erfolg.

Mit 17 hatte ich mein letztes Erlebnis dieser Art: ein fremder Mann fragte mich nach einem Treffen zum Kaffee und ich sagte zu, weil ich dachte, das alles hinter mir gelassen zu haben. Ich dachte einen Neuanfang wagen zu können. Dem war nicht so. Und es blieb auch nicht nur beim Kaffee. Wieder war ich wie gelähmt und habe es einfach ohne irgendwelche Worte und ohne jeglichen Widerstand über mich ergehen lassen. Erst am Tag danach habe ich verstanden, was da schon wieder passiert ist. Das war der Punkt an dem ich beschlossen habe, etwas zu ändern.

Nach Jahren voller Schuldgefühle, regelmäßiger Selbstverletzung, massiven Suizidgedanken und heftigen depressiven Phasen habe ich mit 17 den Schritt gewagt, mich an eine Vertrauensperson zu wenden. Natürlich war das keine leichte Entscheidung. Es war sehr hart, das alles auszusprechen und da nochmal durch zu müssen, aber im Nachhinein war es der richtige Weg für mich. Eine riesengroße Stütze und ein Ansporn, in all den dunklen Stunden weiterzumachen,  war mein starker Wunsch Opernsängerin zu werden. Das war es, wofür ich mich in meinen schlimmsten depressiven Phasen immer wieder neu begeistern konnte.

Brich das Schweigen und kämpfe weiter

Nach einiger Zeit habe ich mir dann auch professionelle Hilfe bei einer kostenlosen Organisation geholt und nach vielen, vielen Rückfällen bin ich heute vom Selbstverletzenden Verhalten losgekommen. Seit mehr als einem Jahr habe ich nun keine Suchtgedanken mehr in diese Richtung, denn das war es bei mir und das ist es auch prinzipiell denke ich – eine Sucht nach Selbstverletzung. Das alles habe ich aber nur mit der richtigen Unterstützung geschafft und mein Weg ist auch noch lange nicht vorbei. Aber immerhin kann ich mir heute schon vorstellen, mich in näherer Zukunft auf einen Mann einlassen zu können, denn das ging für mich bis heute noch nicht.

Was ich allen sagen möchte, die etwas Ähnliches erlebt haben oder noch erleben, sind drei Dinge die, man sich vor Augen führen sollte, auch wenn sie vielleicht abgedroschen klingen:

1.DU BIST NIEMALS VÖLLIG ALLEIN – Auch wenn es sich so anfühlt und keiner wissen kann wie du dich fühlst.

2.WAS PASSIERT IST, IST ERNSTZUNEHMEN – Mach dir selbst klar, dass es passiert ist und dass es schlimm ist, auch wenn es immer Dinge gibt, die nach außen hin vielleicht „noch schlimmer“ wären.

3.HILFE ZU SUCHEN IST NICHT SCHWACH – Besser früher als später! Wende dich an eine Person der du vertraust, erzähl es oder wende dich an eine Organisation die dir helfen kann, es gibt ganz sicher eine Möglichkeit.


Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

Kommentar verfassen