Ich bin 17 Jahre alt und gehe zur Schule, um mein Abitur zu machen.
Vor ungefähr zweieinhalb Jahren ist in meinem Leben einfach alles zu viel geworden.

Ich wurde gemobbt, hatte keine Vertrauensperson mehr, keine Freunde und ein sehr schlimmes familiäres Umfeld. Für mich blieb in diesem Moment nur noch ein Ausweg – der Suizid. Ich saß eines Abends in meinem Bett und wollte Allem ein Ende setzen, allerdings konnte ich noch rechtzeitig entdeckt werden und wurde dann als Notfall in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, wo ich einige Wochen geblieben bin.

Als ich entlassen wurde, hatte sich mein Zustand deutlich stabilisiert und ich konnte wieder etwas hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Während ich mich vor der Klinikzeit mehrfach täglich geschnitten habe, konnte ich danach gut darauf verzichten.

Statt Verständnis erhielt ich Ablehnung

Im Herbst desselben Jahres war ein Austausch an meiner Schule geplant, für den ich bereits vor der Klinik ausgewählt wurde. Nun wollte meine Lehrerin allerdings aufgrund der neuen Ereignisse nochmal mit mir reden, um einige Fragen ihrerseits zu klären – was ich auch völlig nachvollziehen kann. Wir redeten darüber, was grob bei mir los sei und ganz besonders auch über das Schneiden. Ich habe ihr meine Situation erläutert, dass es mir besser geht und ich mich stabil fühle – auch, dass ich mich nicht mehr schneide.

Sie hat mir dann ganz eindeutig zu verstehen gegeben, dass sie nicht möchte, dass ich während des Austausches kurze Shirts trage, bei denen man meine Narben sehen könnte. Denn das würde ein schlechtes Licht auf den Austausch, damit auf die Schule und auch auf sie werfen, wenn man „solche Leute“ mitnimmt. Das hat mich tief erschüttert und dazu geführt, dass ich mich zuerst immer mehr versteckt, und dann auch wieder geschnitten habe, weil ich es nicht aushalten konnte, mit welchem Stigma sie mir da begegnet ist.


Sie wollte mich unsichtbar machen

Zudem konnte ich mich während des Austauschs nicht an sie wenden (was eigentlich der Plan unserer Vorgespräche war), weil ich solch eine Angst davor hatte, dass sie mich erneut so angreift. Auch hatte ich Angst, dieses Gespräch mit anderen Personen zu teilen, weil ich nicht wollte, dass sie mir ggf. mit den gleichen Ansichten gegenübertreten.

Doch dann sind wir auf den Austausch gefahren und am letzten Tag musste ich ein kurzes Shirt anziehen, da ich mir Klamotten geliehen hatte. Also sind wir mit der Kleidung alle auf ein letztes Treffen mit der Gruppe gegangen und zuerst hatte ich fürchterliche Angst vor den Reaktionen, habe mich geschämt. Aber dann ist etwas passiert, was alles verändert hat – der Blick, den meine Lehrerin hatte, als sie mich gesehen hat. Sie war unfassbar wütend und aufgebracht und hat mich auch sofort angesprochen, wollte mich sogar wegschicken.


Ich dachte “Jetzt erst recht!”

In dem Moment war ich unfassbar wütend und habe realisiert, was ich alles von dieser Person abhängig gemacht habe. Ich habe ihr gesagt, was ich von ihrer Meinung über mich halte. Sie hat dann nichts mehr gesagt, auch nicht bis heute. Durch diese Geschichte ist mir bewusst geworden, dass es wichtig ist, dass man für sich einsteht und sich nicht versteckt. Es war nicht in Ordnung, wie sie mit mir umgegangen ist und ich habe das Recht dazu, mich zu verteidigen. 

Einige Monate später habe ich mich dann endlich getraut, mich mit der Geschichte an einige Freunde aus der Klinik zu wenden, die bereits von meinen Narben wussten. Dort erhielt ich endlich Verständnis dafür, wie unangemessen diese Verhalten damals war und lernte noch mehr, dass ich mich nicht verstecken muss.  

Ich habe danach regelmäßig kurze Shirts getragen und bewusst meine Narben gezeigt Oftmals habe ich es sogar erlebt, dass in der Schule Menschen offener auf mich zugegangen sind und wirklich nur ein ganz kleiner Teil meiner Klassenkameraden blöde Kommentare über meine Arme gemacht hat. 


Wir alle verdienen einen Neustart

Ich habe die Schule gewechselt und bin nun viel glücklicher. Seit dem Erlebnis fühle ich mich viel wohler mit mir selbst und kann auch meine Vergangenheit größtenteils akzeptieren – auch, wenn ich noch einen weiten Weg vor mir habe, um mich selbst vollständig zu akzeptieren und zu lieben.

Ich möchte an die Personen, die das hier lesen weitergeben, dass man sich mit seinen Problemen nicht verstecken muss. Es gibt immer Menschen, die einen dafür verurteilen, wer man ist und ich verstehe, wenn das beängstigend ist. Aber es ist super wichtig, trotzdem offen mit sich selbst umzugehen, um sich zu akzeptieren. Und schnell wird man merken, dass jeder etwas hat, mit dem er oder sie zu kämpfen hat. Und auch wird man merken, dass man sich selbst viel mehr Gedanken darüber macht als andere – glaubt mir. Du bist nicht alleine, du bist wertvoll und du wirst akzeptiert werden!




Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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