Mein Weg durch die Therapie – vom Verlieren und Gewinnen – 2/3

2020.

Auf manche Dinge kann man sich nicht vorbereiten. Da hilft auch die größte Analyse der Biografie oder das ambitionierteste Reflektieren nicht. Manche Schicksalsschläge treffen dich so hart, dass dir schwindelig wird und du dein Gleichgewicht lange nicht wiederfindest. Mein Vati starb im Juni an Lungenkrebs. Wie von Sinnen schrieb ich eine Trauerrede, fuhr 100 Kilometer allein mit Fahrrad in die Heimat, las jede auffindbare Lektüre, traf alle verfügbaren Leute. Ich wusste, hielte ich auch nur einen Moment lang inne, würde es mein Herz zerreißen. Es war unvermeidbar, alle Bücher über Trauerphasen verrieten mir dasselbe: nach dem Leugnen kommen die Emotionen.

„Hallo, hier ist Sarah Bergmann. Ich bin auf der Suche nach einem Therapieplatz. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich zurückrufen und mir mitteilen, ob Sie einen Termin für ein Gespräch frei haben. Meine Nummer ist…“1 Ich nutzte meinen absurden Aktionismus, um mein zukünftiges Ich aufzufangen. Ich rief 50 Therapeut:innen an, 3 davon riefen mich zurück. War ich bei meiner ersten Therapie noch unsicher, spürte ich nun schon etwas genauer, was ich brauchte: ich hatte genug in der Vergangenheit gewühlt, nun hieß es, sich die Gegenwart anschauen und die Zukunft gestalten. Alles, was ich bis dato gelernt hatte, wollte ich nun innerhalb einer Verhaltenstherapie2 erbarmungslos in die Tat umsetzen.




1 – Die Nachricht auf dem AB: Die meisten Praxen haben sehr kurze Sprechzeiten und begrüßen es daher, wenn du ihnen eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlässt. Hier reicht ein kurzes Anliegen und eine Rückrufnummer aus. Das Telefon in die Hand zu nehmen, ist an den Tagen, an denen du es am meisten bräuchtest, oft am schwierigsten. Du kannst dir daher erst einmal eine Liste erstellen und an einem besseren Tag (vielleicht sogar mit Unterstützung durch eine*n Freund*in) anrufen.

2 – Verhaltenstherapie: Handeln lernen: von der Gegenwart in die Zukunft. Die Verhaltenstherapie nimmt an, dass unsere Psyche und unser Verhalten durch Erfahrungen in unserem Leben geprägt sind, aus denen wir Gedanken und Überzeugungen im Umgang mit anderen formen. In den Sitzungen wird insbesondere danach gefragt, was dich gerade belastet und beeinträchtigt. Durch deine aktive Mitarbeit werden gemeinsam Denkmuster betrachtet und Veränderungen überlegt, die spürbar und sichtbar werden sollen. Verfolgt wird eine Philosophie der kleinen Schritte.




Erstgespräche

Der erste Psychologe vereinte alles, wonach ich suchte: Seine Räumlichkeiten schienen etwas abgedunkelt, die Möbel ausgewählt. Er war eloquent, aber nicht wertend, ruhig, aber beharrlich und vor allem direkt in meiner Nachbarschaft. Wir redeten und fachsimpelten. Ich fühlte mich verstanden und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wieso. Der zweite Psychologe saß in einer Gemeinschaftspraxis im Erdgeschoss. Ich starrte auf seinen riesigen bunten Teppich, der aus kleinen Filzkugeln bestand. Der Austausch war sympathisch, unaufdringlich, fast ein wenig zurückhaltend. Es gab außer des Regals mit Literatur von Yalom nichts, womit ich mich identifizieren konnte. Dass dieser Umstand mir den Freiraum gab, mich ganz auf mich zu konzentrieren, konnte ich noch nicht einordnen.

Mein Gesprächspartner würde mir im weiteren Verlauf etwas geben, was meinen Weg nachhaltig prägte: Das nötige Empowerment für den Mut, aus meiner Komfortzone zu wachsen. Der dritte Psychologe gab mir einen Termin für eine weiter entfernte Adresse, dessen Gebäude ich nie sah. Ich sagte ihm ab, gleich nachdem ich meinen Therapievertrag unterschrieb. Wenn ich wählen hätte dürfen, wäre es ganz sicher Kandidat Nummer 1 geworden. Verbunden fühlte ich mich ihm auf eine unbewusste Art, weil es ihm genauso ging wie mir. Er sei befangen, erklärte er in unserem zweiten Gespräch, da er vor Kurzem etwas ähnliches erlebt hatte. Niedergeschmettert weinte ich den kompletten Weg nach Hause und verstand nicht, wieso sich gerade jetzt Verlust an Verlust reihte.

Ich wollte jetzt nicht stehen bleiben

Dieses Mal sollte alles anders sein: weniger Kompromisse3 und schneller ans Ziel. Ich war wütend. Ich war wütend auf die Welt, die Therapeuten, auf meine Familie, auf mich. Ich wollte auf alle anderen scheißen und selbst entscheiden, was mir gut tut. Dabei ging ich härter mir ins Gericht, als es jede Anwältin je getan hätte. Nachgiebig mit meinen Gefühlen zu sein, hatte ich einfach noch nicht gelernt. Mein Ziel war klar definiert: gewinnen ohne zu verlieren. Wir begannen mit sehr entschleunigten Sitzungen, in denen wir meistens eine konkrete Situation besprachen. Ich freute mich über mein doch sehr redseliges Gegenüber, das auch kritische Fragen stellte und somit mehr eine Konversation auf Augenhöhe entstand als ein 50-minütiger Monolog. Und wie auch zu Anfang meiner ersten Therapie wurden die Symptome erst einmal schlimmer.

Interessanterweise merkte ich jetzt erst, wie gekonnt ich Tinnitus, Migräne mit isolierter Aura, Schmerzen im Solarplexus, Appetitlosigkeit, Müdigkeit, Haarausfall, Erschöpfung, Konzentrations-schwierigkeiten und zuletzt sogar einen anhaltenden bitteren Geschmack im Mund ignoriert hatte. Womöglich war meine Entscheidung für einen männlichen Begleiter, entgegen meiner schlechten Erfahrungen beim Thema Zuverlässigkeit, eine Mischung aus verlorener Vaterfigur und dem Wunsch, vom Gegenteil überzeugt zu werden. Auch hiermit setzten wir uns auseinander – Meta-Therapie4 sozusagen.



3 Weniger Kompromisse Oft ist eine größere Auswahl an Plätzen auch mit mehr Engagement verbunden. Manchmal bist du froh, dass du überhaupt jemanden gefunden hast. Wenn du die Kraft aufbringen kannst, versuche ein anderes Gespräch zum Vergleich zu bekommen. Du kannst dich hierfür an eine Koordinationsstelle wenden. Wenn du möchtest, überlege dir, was dir besonders wichtig ist und wo du möglicherweise Abstriche machen könntest. Kannst du zum Beispiel auf eine feministische Denkweise deiner Therapeutin nicht verzichten? Wogegen es weniger entscheidend ist, wie sie redet? Eine Liste könnte dir nach den Probesitzungen dabei helfen, herauszufinden und reinzufühlen, ob es das richtige Setting für dich ist.

4 Meta-Therapie Innerhalb der Sitzungen kannst du auch immer ansprechen, wie es dir dabei geht. Zum Beispiel, ob es dir schwerfällt, zur Therapie zu kommen, wie du dich zwischen den Sitzungen fühlst oder ob du mehr Nachfragen oder mehr Tipps benötigst. Es ist deine Reise, die du aktiv mitgestalten darfst. Um aus dem eigenen Schubladendenken herauszukommen, kann es auch förderlich sein, mit anderen Menschen zu reden – vielleicht erfährst du sogar, dass auch sie schon Therapieerfahrungen gemacht haben. 



Willkommen im Hier und Jetzt

Ein Silberstreifen am Horizont zeigte sich, als mich mein Therapeut fragte: Was hätte sich Ihr Vati für Sie gewünscht? In meinen Gedanken formte sich ein Bild, welches für mich schon immer Heimat bedeutete. Seine gutmütigen, blauen Augen schauten mir über sein Handy entgegen. Er filmte mich, als ich in seiner Garage Luftgitarre auf einem Besenstiel zu Bohemian Rhapsody von Queen spielte. Bei jeder meiner absurden Ideen stand er mir zur Seite und liebte mich in all meiner Schrägheit genau so, wie ich war. Und ich spürte das erste Mal eine tiefe Dankbarkeit, die sich von meiner Brust in alle Richtungen meines Körpers ausbreitete. Er hätte sich nichts weniger gewünscht, als dass ich glücklich bin und mein Ding mache.

Die Therapie begleitete mich durch die verschiedenen, sich oft überlappenden Trauerphasen und ich fing an, diesem Prozess zu vertrauen. Ich hatte mir innerhalb der letzten Jahre einige Säulen5 aufgebaut, die mich stützten und es war gar nicht mehr nötig, meinen Fokus nur auf das zu richten, was ich nicht mehr oder noch nicht hatte. Im Hier und Jetzt anzukommen hieß vor allem, diesen unwiderruflichen Verlust anzuerkennen, ihm Raum zu geben, ihn zu betrauern, um ihm eine neue Gestalt in meinem Leben zu geben. Wenn ich heute meine Wohnung renoviere, mit seinem Bohrer hundert Löcher in die Wand drehe oder auf einem Metal-Konzert mit Whiskey anstoße, denke ich an meinen Vati. Daran, dass er mir in diesen Zeiten besonders fehlt und daran, was er mir alles beigebracht hat, um genau hier zu sein. Und so habe ich das Wort Ziel gestrichen und eine Richtung für mich definiert: Erkenntnisse gewinnen geht nur, wenn ich bereit bin, auch loszulassen. Willkommen in der Realität!



5 Säulen Was dir Sicherheit gibt, hängt ganz von deinen individuellen Werten ab. Generell spricht man bei den 5 Säulen der Identität aber von diesen: 1. Arbeit & Leistung, meint deine Erfolgserlebnisse und deren Anerkennung, 2. Materielle Sicherheit, meint deinen Lebensstandard und die finanzielle Absicherung, 3. Gesellschaft & Soziales, meint Kontakte wie Familie, Partner*innen und Freund*innen, 4. Körper & Gesundheit, meint deine mentale und physische Verfassung, 5. Werte & Sinn, meint deine innere Haltung und Überzeugungen.

6 Willkommen in der Realität Am Ende vieler Coaching-Videos sagt Byron Katie „Willkommen in der Realität“. Sie ist Lehrerin, Autorin und Schafferin einer psychotherapeutischen Methode namens The Work. Von allen Menschen, unabhängig jeden Alters und jeder Lebensgeschichte, kann The Work zur Selbst- und Gedankenüberprüfung genutzt werden. Durch 4 einfache Fragen kann die subjektive innere Wahrheit klarer nachvollzogen werden. Die Anleitung kannst du kostenlos auf der Website heruntergeladen. 




Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyoumind

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