Mein Weg durch die Therapie – vom Verlieren und Gewinnen 3/3

Achtsamkeit

2021.

Die praxisorientierte Herangehensweise der Verhaltenstherapie zeigt sich heute häufig in Aufgaben, die ich für die nächste Woche mit nach Hause nehme. Oft sind es Ideen wie „mehr Nein sagen“ oder „Gedanken aufschreiben“, die ich in ihrer Anwendung selbst genauer definiere. Besonders geholfen hat mir meine Suche nach einem Anker im Alltag1, der mir die Möglichkeit gibt, mir zwischen den Sitzungen selbst zu helfen.

Ich meditiere täglich, zeitlich flexibel, und fördere damit nicht nur Achtsamkeit und Ordnung in meinem Kopf, sondern auch längerfristig meine Selbstwirksamkeit2. Darin liegt für mich der größte Gewinn der Therapie: mittels kleiner Schritte unterstützt sie mich beständig, mich als ein Wesen anzuerkennen, dass sich verändert und wächst, und dadurch auch immer mutiger wird, Entscheidungen für sich zu treffen und ein Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Von der ursprünglich angedachten Kurzzeittherapie sind wir in eine Langzeittherapie gewechselt.

Irgendwann bin ich mein eigener Coach

Nicht selten komme ich mit einem Knoten im Kopf zur Sitzung, den wir gemeinsam entwirren. Ich lerne, wie ich mehr Klarheit in meinen Alltag und meine Kommunikation bringe, bis ich irgendwann mein eigener Coach sein kann. Die nächste Herausforderung wird sein, auch die Erfahrung der Therapie ziehen zu lassen und meine komplette Selbstständigkeit zu gewinnen. Nach der Angst kommt der Mut, das will ich nie mehr vergessen. You deserve to celebrate not only who you’ve become, but who you could’ve become and fought not to. 


1 Anker im Alltag: Es gibt viele Möglichkeiten, sich kleine Anker im Alltag zu setzen. Wenn du wie ich keine feste Abfolge hast, kannst du flexible Routinen einbauen. Das funktioniert am besten, wenn du sie mit vorhanden Handlungen kombinierst, zum Beispiel eine Affirmation beim Zähneputzen, eine Meditation vor dem Einschlafen oder Gedanken aufschreiben nach dem Aufstehen. Schau, was dir Freude bereitet und passe die Anker deinen Bedürfnissen an. Es hilft dir, Verantwortung für dein Wohlbefinden zu übernehmen und auch nachhaltig die Erkenntnisse aus der Therapie in dein Leben zu integrieren.

2 Selbstwirksamkeit Die innere Überzeugung, etwas bewirken zu können, nennt sich Selbstwirksamkeit. Voran gehen ihr Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen und Selbstsicherheit. Nachdem du gelernt hast, achtsam mit dir zu sein, Emotionen und Gedanken zu erkennen, dir selbst in Liebe zu begegnen und darüber hinaus in deinem Sinne zu handeln, kannst du aktiv werden und für das einstehen, was dir wichtig ist. 



2022.

Jahresanfänge haben für mich immer eine besondere Symbolik. Ich versuche, mich kontinuierlich von Vorstellungen – auch über mich selbst – zu verabschieden. Auch, wenn ich mittlerweile weiß, dass Loslassen vor allem Akzeptieren bedeutet. “Es ist wie es ist” ist zu meinem Mantra geworden, mit dem ich versuche die Realität in ihrer Gänze anzuerkennen. Und darüber hinaus: mich mit allen meinen Anteilen annehmen3. Um mich daran zu erinnern, schicke ich mir manchmal Emails in die Zukunft4. Sie machen meinen Prozess sichtbar, der nicht geradlinig verläuft, sondern verschiedene Challenges, Geheimgänge und Gegner*innen beinhaltet. Von Level zu Level kann ich mir zwar neue Skills aneignen, aber: ab und zu auf die Pausetaste drücken wär auch ganz erholsam.

Wenn alles zu viel wird, frage ich mich: Wo ist der watteweiche Schoß, in den ich meinen Kopf legen kann, damit alles für einen kurzen Moment okay ist? Aus dem Wunsch nach einer einfachen Lösung habe ich mir Johanneskraut gekauft. Es ist ein pflanzliches Mittel gegen depressive Verstimmungen, welches man in der Apotheke bekommt. In der ersten Woche merke ich gar nichts, in der zweiten fühle ich mich wie dauerhaft angetrunken. Ich wollte keine Watte IN meinem Kopf! Die Hoffnung auf ein wenig emotionale Stabilität schwenkt in eine Attitüde der Gleichgültgkeit. In einem klaren Moment weiß ich: das bin ich nicht, i do care! Ich setze die Tabletten wieder ab und fange stattdessen eine Ergotherapie an.

Alles an meiner Reise macht mich zu der, die ich heute bin

In den zwei Sitzungen pro Woche sprechen wir über meine Verbindung zwischen Gedanken und Emotionen und wie die beiden ein Team werden können. Ganz konkret geht es darum, sich körperliche Symptome anzuschauen, die immer wieder kommen. Mein Unterleib fühlt sich manchmal immernoch wie ein blinder Fleck an, den ich nicht sehen kann. Und die Ergotherapeutin begleitet mich ein Stück mit der Taschenlampe dorthin.

Ich erinnere mich an die Worte eines guten Freundes: “Wachsen fühlt sich manchmal an wie schrumpfen.”, weil du einfach nicht mehr in die alte Form passt. Prozess bedeutet für mich hier, mich immer wieder erneut aus Vorstellungen zu befreien, die mich einengen oder mir nicht mehr entsprechen. Und vor allem davon, dass ich einmal zu Ende therapiert sein werde. Diese Endlichkeit existiert nicht, nur der Wandel ist gewiss. Ich bin stolz auf mich und all meine Facetten, die ich während meiner Reise kennenlernen durfte. Sie machen mich zu der, die immer wieder neue Konzepte ausprobiert, annimmt, verwirft. Die noch nicht zufrieden ist, aber nicht mehr getrieben. Die genau da ist, wo sie sein soll.


Anteile annehmen: Sehr inspiriert hat mich die Traumatherapeutin Maria Sanchez mit ihrem Konzept der emotionalen Selbstbegleitung: weg vom Kampf gegen sich selbst hin zu einer neuen Beziehung mit dem Ich, in dem Verantwortung und Zuwendung im Fokus stehen. Einen Einblick bekommt man in den Podcasts GefühlsEcht und coitoergosum.

Emails in die Zukunft: Auf diesen Websites www.futureme.org und www.zukunftmail.com kannst du dir Emails in die Zukunft senden. Wann du sie empfangen möchtest, kannst du selbst festlegen. Ich habe mir zum Beispiel folgendes ins neue Jahr geschrieben:”Liebe Future Sarah,morgen ist Silvester & neben großer Vorfreude bin ich auch ein wenig aufgeregt. Ein neues Jahr ist für mich auch ein neuer Anfang. Was möchte ich im alten Jahr lassen: eine gewisse Art unrealistische Hoffnung. Ich will die Realität sehen, wie sie wirklich ist und darauf vertrauen, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Eine realistische Hoffnung ist für mich eher ein Glaube an das Gute, ein Glaube an meine Fähigkeiten und die Überzeugung, dass ich zu diesem Zeitpunkt genau so bin, wie ich es sein kann. Was ich mir für das kommende Jahr wünsche: den Moment ausdehnen und in vollen Zügen auskosten. Ich möchte ihn mit allen meinen Sinnen wahrnehmen, mich in ihm verlieren und mich ganz auf ihn konzentrieren. So oft, wenn ich tief in mich reinfühle, ist da eine derart große Freude, die meinen Körper und über seine Grenzen hinaus den Raum erfüllt. Ich wünsche mir, dass alle Türen zu allen Gefühlen in mir offen sind. Das Jahr wird, wie es sein soll. Es wird großartig, anstrengend, inspirierend, neu, nervig, furios, bedeutsam, traurig, laut, ruhig und alles zusammen. Nichts existiert ohne das andere. Da, wo du diese Zeilen gerade liest, bist du richtig genauso wie du bist und dich fühlst. Ich freue mich drauf so zu sein wie du. Alles Liebe, Sarah”



Hier noch mal alle hilfreichen Links aus den letzten Beiträgen
Therapiesuche in deinem Bundesland: https://psychotherapie-online.info/psychotherapeutensuche
Wie anfangen? https://www.wege-zur-psychotherapie.org
Nützliches Wissen: https://www.therapie.de/psyche/info/
Podcasts über Therapie: https://www.sueddeutsche.de/medien/tipps-diese-fuenf-psychologie-podcasts-lohnen-sich-1.5189825
5 Säulen der Identität: https://dailymentor.de/5-saeulen-der-identitaet/
The Work in Aktion: https://thework.com/sites/de/ressourcen/ Selbstwirksamkeit: https://einguterplan.de/selbstwirksamkeit/ 



Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyoumind

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