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Magdas Geschichte

Depressionen

„Lass uns uns trennen.“ Hallte es nur noch durch meinen Kopf. Nun war das also doch der einzige Ausweg? Was passiert mit unserer zwei Jahre alten Tochter? Ich spürte totale Leere in mir. Eine Eiseskälte umgab mich. Ich versuchte rational zu bleiben und meinte nur noch zu meinem Mann: „Ja, sehe ich auch so…. entweder wir trennen uns, oder wir versuchen es mit einer Paarberatung.“ Mir war klar, wir brauchten jemanden der uns bei Gesprächen helfen würde, der uns irgendwie entlockt, was wir noch füreinander empfinden, so dass wir nicht nur noch als Eltern versuchten zu funktionieren.

 

Die Therapie brachte die ersten Steine ins Rollen

Wir gingen also zu einer Familienberatungsstelle und dort nahm alles seinen Lauf. Nach zwei Paargesprächen kam ich der Empfehlung nach, auch an sich selbst zu arbeiten. Ich ergänzte die Paargespräche also um Einzelsitzungen – bei einer anderen Sozialpädagogin im gleichen Haus.

Ich erlaubte der Psychologin aus der Paartherapie sich mit der Sozialpädagogin über mich auszutauschen. Meine zweite Einzelsitzung ging über meine Körperhaltung – mein Auftreten und mein Inneres Gefühl. Ich bekam eine Übungsaufgabe, mich in bestimmten Situationen in eine andere Haltung zu bringen. In dieser Zeit passierten zwei weitere Schlüsselsituationen für mich und so kam eins zum anderen…

„Mama, gehen wir heute ins Betti oder Tanzen?“ war die Frage meiner Tochter, als ich sie nach der Arbeit mittags aus der Kindertagesstätte abholte. Ich sah sie fassungslos an und musste mir eingestehen, dass ich vor lauter Schwere ab 14Uhr nicht einmal bei schönstem Sonnenschein mit ihr rausgehen konnte.

Für sie waren die Extreme: schlechter Tag, also Bett, und guter Tag, also zusammen tanzen, bereits stark spürbar. Mir fehlte immer öfter die Kraft. Mein Rücken fühlte sich so schwer an, dass ich kaum mehr aufrecht gehen konnte und so fragte ich sie wohl öfter als ich es in Erinnerung hatte, ob wir im Bett zusammen kuscheln und sie in Büchern blättern will. Manchmal las ich ihr auch vor.

 

Meine Kräfte waren am Ende

Diese Tage waren extrem schwer für mich. Ab 16Uhr war ich vollkommen an meiner Grenze und rief täglich meinen Mann an, dass ich nicht mehr könne und wann er endlich von der Arbeit heimkommt. Irgendwie musste ich es dann immer noch bis ca. 19Uhr aushalten und versuchte trotz Schwere eine gute Mutter zu sein. Die Paarberatung empfahl uns hier zum Glück eine Übergangsregelung, nämlich dass ich Unterstützung ab 16Uhr bräuchte… Er ging darauf ein. Reduzierte seine Arbeit. Er war da. Er ging weiter mit in die Paargespräche und alles das, obwohl ich ein Eisklotz war und irgendwie nicht mehr lebensfähig.

 

Plötzlich spürte ich, dass ich noch lebe

Einmal traf ich einen guten Freund. Wir quatschten und brachten uns grob auf den neusten Stand. Irgendwann entstand eine Pause. Er sah mich an und nahm mich wortlos einfach nur in den Arm. Ein unglaublicher Moment entstand. Für mich blieb die Welt stehen. Ich fühlte (!) dass mein Atem sich seinem anpasste, dass unsere Herzrhythmen zu einem verschmolzen und ich wollte nie wieder aus dieser Umarmung raus. Ich hatte noch Gefühle tief in mir! Ich lebe noch!! Diese Umarmung unter Freunden hat mich aufgeweckt. Da ist doch noch was in mir, was wieder rausgeholt werden mag. Ich kann das Eis schmelzen lassen und einen Weg zurück ins Leben finden.

Die Beratungsstelle überwies mich nach der dritten Sitzung an einen Psychotherapeuten. Nur durch einen Zufall traf ich eine entfernte Bekannte, die mir eine Therapeutin empfahl, die noch zeitnah jemanden aufnehmen konnte. Die Chemie zwischen uns passte und ich konnte recht schnell eine Therapie beginnen.

 

Der Beginn einer langen, schweren Reise

Kaum war ich in Therapie war schnell klar, ein Termin pro Woche reicht nicht aus. Auf die Frage, „Was tun Sie, wenn ihr Kind versterben sollte?“, antwortete ich sofort: „Na, dann gehe ich auch. Was soll ich dann noch auf dieser Welt?“ Die Diagnose – schwere depressive Phase. Ich sollte mir einen Tagesklinikplatz im Klinikum suchen.

Puh, so war es also nun. Schwere Depression und das obwohl ich alles hatte, was ich mir je erträumt habe – ich war verheiratet und hatte eine wundervolle und gesunde Tochter. Ich hatte seit meiner Kindheit immer wieder Todeswünsche und depressive Phasen, im Nachhinein wurde mir „Unglücklichsein im Kind“ diagnostiziert. Doch ich hatte es mein Leben lang mit mir selbst ausgemacht und dafür auch eine Art Rezept entwickelt, wie ich über die schweren Runden kam. Doch mit eigenem Kind, dem ich mich 24 Stunden gewidmet habe und dann nach knapp zwei Jahren neben der Arbeit die restliche Zeit, da funktionierten all meine Strategien auf einmal nicht mehr. Ich war bis ganz unten gefallen. So ging es nicht mehr weiter.

10 Wochen Tagesklinik und nebenbei Paartherapie. Mittags holte ich meine Tochter ab und versuchte einen normalen Nachmittag mit ihr zu verbringen, für mich und für sie. Es war eine unbeschreiblich harte Zeit für mich und meine Familie. Ich wollte in der zweiten Woche abbrechen, doch ich blieb dabei. Ich konnte irgendwann die Hilfe annehmen, an mir arbeiten. Anschließend drei Monate PIA (Psychiatrische Institutsambulanz) bei geringem Arbeitspensum. Danach ging es zurück in den Alltag, mit Arbeit und einmal die Woche Therapie. Vor allem die Übergänge waren für mich extrem schwer. Jede Änderung meiner Lebenssituation stellte mich vor eine große Herausforderung.

 

Wir haben es geschafft

Jetzt ist mein letzter Tag in der Tagesklinik bzw. PIA ein Jahr, zwei Monate und sieben Tage her. Ich gehe immer noch wöchentlich zu meiner Therapeutin und es tut mir gut! Unsere Familie hat wieder zusammengefunden und auch mein Mann und ich haben nach einem Therapeutenwechsel unsere gemeinsame Verbindung wieder gefunden und an uns gearbeitet. Ich denke ich habe den Weg raus geschafft – mit der Hilfe meiner kleinen wundervollen Familie.

 

 

 

 


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