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Warum ein Rückfall kein Weltuntergang ist

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Vor kurzem ist es passiert. Ich hatte einen Rückfall. Nach über 3 Jahren habe ich wieder einmal zur Klinge gegriffen und mich geschnitten. Ich hatte immer eine riesen Angst vor diesem Moment, weil ich dachte, dass es mich komplett zurückwerfen und ich mit meiner eigenen Enttäuschung nicht klarkommen würde. 

 

Ich habe nie geglaubt, überhaupt so weit zu kommen

Ich erinnere mich noch daran, wie alles damals begonnen hat. Ich hatte einem guten Freund versprochen, zu versuchen mich 100 Tage nicht zu schneiden. Beim zweiten Anlauf hat das geklappt. (Natürlich waren das nicht die ersten Male, dass ich versucht hatte, von meinem selbstverletzenden Verhalten loszukommen.) Aus den 100 Tagen wurden dann 1249 Tage.

Diese Zahl, die ich über eine App auf meinem Handy immer im Blick hatte, hat mich so oft davor bewahrt, mich zu verletzen, weil ich nicht wollte, dass dort wieder eine 0 steht. Weil die Hürde, mich danach wieder öfter zu schneiden, dann deutlich kleiner sein würde. Und außerdem war ich ganz schön stolz auf mich und wollte diesen Erfolg nicht „verlieren“. *

Nun ist es allerdings passiert. Ich habe mich geschnitten. Warum das aber kein Weltuntergang ist, davon will ich euch erzählen. Rückfall – das Wort klingt schon nach Enttäuschung, Versagen und Schwäche. Dabei muss ein Rückfall nicht zwangsläufig etwas mit diesen Emotionen zu tun haben. Natürlich wäre es besser, man könnte seine negativen Verhaltensweisen einfach von heute auf morgen sein lassen, aber das entspricht einfach nicht dem Wesen von Süchten jeglicher Form.

 

Es kann immer passieren, dass die Sucht wieder anklopft

Jede*r der/die auf dem Weg aus einer Sucht heraus ist, kennt es: es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Es gibt Zeiten, da verliert man monatelang keinen Gedanken mehr an seine Sucht und denkt, man hat damit abgeschlossen und dann kommen doch auch wieder Zeiten, in denen die Sucht täglich präsent ist. Und das ist auch okay so.

Süchte sind oftmals jahrelang eingeübte Verhaltensweisen, an die man sich so sehr gewöhnt hat und die in der Regel auch ihren Sinn und Zweck haben und ein gewisses Bedürfnis befriedigen, dass der Weg hinaus einfach seine Zeit braucht. Man kann sich so viele Ersatzbefriedigungen aneignen und ausprobieren, doch so effektiv wie das schädigende Verhalten sind sie selten. Man kann in Therapien lernen mit dem Druck und dem Suchtbedürfnis umzugehen, aber ganz verschwinden wird es erst einmal nicht. Gerade wenn besonders herausfordernde Lebenssituationen einem den Alltag erschweren und einen aus der Bahn werfen, passiert es ganz schnell, dass man wieder zu der gewohnten und bewährten Verhaltensweise zurückgreift. 

 

Jeder Tag ist ein Sieg

Wichtig nach einem Rückfall finde ich immer, dass man sich nicht demotivieren und herunterziehen lässt. Klar, ist das erst mal doof und ein ungutes Gefühl. Aber statt traurig darüber zu sein, dass jetzt wieder eine 0 auf dem Zähler steht, sollte man sich darüber freuen, wie lange man es davor geschafft hat. Und jeder einzelne Tag ist ein Grund, um stolz auf sich zu sein! Aus einer Sucht herauszukommen, ist nicht leicht! Allein es zu versuchen und zu wollen, ist bemerkenswert. Jeder weitere Tag ist ein Fest! 

*Den Erfolg hab‘ ich übrigens nicht verloren. Denn 1249 Tage bleiben 1249 Tage und das ist und bleibt ein Erfolg. Außerdem war ich ja davon ausgegangen, dass ich mich wieder öfter schneiden würde, wenn ich wieder eine niedrigere Zahl auf meinem Zähler stehen habe, weil die Hürde dann kleiner wäre. Das ist überhaupt nicht so. Jetzt ist eher die Motivation da, dass es dieses Mal 1250 Tage werden 🙂

Was ich damit sagen will: wenn du vor kurzem erst einen Rückfall hattest, oder wenn du das nächste Mal einen Rückfall haben solltest, dann lass dich davon nicht fertig machen und vor allem, lass dich nicht entmutigen! Auch von deinem Umfeld nicht! Je nachdem, wie lange du es davor geschafft hast, werden Sätze kommen wie „Ich dachte mit dem Thema wären wir durch?!“ Lass dir nicht einreden, du hättest versagt! Weder von dir noch von anderen!

Ich feiere dich dafür, dass du einen Weg aus der Sucht gehst, egal wie viele Schritte vor und zurück du dabei machst, egal wie viele Rückfälle und Erfolge du erlebst! Jeder einzelne Tag ist ein Grund, um stolz auf dich zu sein! Egal an welchem Punkt du dabei gerade stehst: Ich. Bin. Stolz. Auf. Dich. Und ich hoffe, du bist es auch!

 


Wenn du gerade mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier für dich die ersten Hilfemöglichkeiten aufgeschrieben und auch einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyourmind.

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