Chris’ Geschichte

Mein Name ist Chris und viele Jahre haben Angst & Panik mein Leben dominiert. Ich weiß noch, wie es war, als ich die ersten Male so offen über meine Geschichte schrieb… Für einen Ex-Panikler* wie mich (*Panikler ist ein von mir erfundener Oberbegriff, der stets alle Geschlechter einschliesst) passierte dabei bereits im Vorfeld ein Gedanken-Shitstorm vom Feinsten: Szenarien verselbstständigten sich, wie Menschen reagieren und was daraus wiederum für Konsequenzen entstehen könnten.

Meine kleinen übereifrigen Angstregler liefen zu Höchstform auf, entwarfen die abstraktesten Situationen, auf die kein „normaler“ Mensch kommen würde, sie waren voll in ihrem Element. Denn das beherrschten sie seit vielen Jahren in ausgeklügelter Perfektion und sie beherrschten jahrelang mich… Das ist zum Glück nicht mehr so und ich schmunzle beim Schreiben über mich selbst. Meine teilweise belächelnde Wortwahl ist Absicht, nicht um das Thema lächerlich zu machen, sondern weil mir mein Galgenhumor in all den Jahren so manches Mal geholfen hat, einen etwas entspannteren Umgang mit meinen Ängsten zu finden.

Warum ich meine Geschichte erzählen will

Es geht für mich darum, das Thema „Angststörung“ aus der „Zwangsjackenecke“ zu holen und Betroffenen zu sagen: „Du bist nicht alleine! Du bist nicht „Schuld“ und es gibt verdammt nochmal keinen Grund, sich zu schämen!“ Ich mache es, weil es zu meiner Berufung geworden ist, anderen zu helfen. Aus tiefstem Herzen möchte ich zeigen, dass das Leben wieder lebenswert werden kann. Und ja, es befreit, wenn man die Maske abnimmt und „zugibt“, dass es da etwas gibt, was ein normales Leben jahrelang unmöglich machte! 

Angesehen hat mir niemand etwas, ich habe alles trotzdem gemacht, wollte auf gar keinen Fall „versagen“ oder klein beigeben oder Gefahr laufen, dass jemand merkt, dass die banalsten Dinge für mich Ähnlichkeit mit einem bevorstehenden Fallschirmsprung hatten und nicht so selbstverständlich waren, wie für andere (und mich früher). Auch wenn ich beim Einkaufen, im Wartezimmer eines Arztes, auf der Autobahn, in Tunneln oder wahlweise auf Brücken, selbst in meinem eigenen Bett unzählige Male „mal eben wieder gestorben bin“, es mich gefühlt übermenschliche Kräfte gekostet hat, alle möglichen Situationen überhaupt durchzustehen und ich diesen Kampf noch Stunden später in jeder Faser gespürt habe, war genau das in den ersten 6 Jahren meine Herangehensweise, weil man „so was“ doch nicht hat… 

Dein Verstand weiß und sagt dir, dass du NICHT gerade in einem Höllenszenario drinsteckst- es wird sich nicht die Erde unter dir auftun, du wirst nicht machtlos, dann ohnmächtig und schließlich an einem Herzinfarkt oder wahlweise an einem anderen tödlichen körperlichen Ereignis sterben, du wirst auch nicht beim Schlange Stehen an der Kasse einfach ersticken- aber anfühlen tut es sich körperlich genau so!

Denn das, was bei einer Panikattacke abläuft, ist ein biologisch festgelegter Ablauf, der in lebensbedrohlichen Situationen auch durchaus Sinn macht und den der Körper perfekt beherrscht und abspielt. Als Panikler hat man das Ganze dann im Laufe der Jahre aus Unwissenheit so verfeinert, dass der nötige Stresslevel als Auslöser gar nicht mehr hoch sein muss, denn schon lange hat man in diesem Kampf einen äußerst hartnäckigen Begleiter: die Angst vor der Angst.

Wie aber sollte ich mich der Angst stellen?

Niemand sucht sich eine Angststörung aus, genauso wenig, wie jemand sich für Burnout, Magengeschwür oder Migräneattacken o.Ä. entscheidet, nur ist das mittlerweile gesellschaftlich „akzeptiert“. Auf der Suche nach Lösungen liest man irgendwann, dass man sich „seiner Angst stellen muss“. Damit konnte ich zunächst nicht viel anfangen. Auch von der Vorstellung, mich mit meinem „inneren Kind“ zu verbinden war ich in etwa so begeistert, als hätte man mir gesagt, ich soll an einer Dämonenaustreibung teilnehmen. Aber die Verzweiflung lässt einen vieles ausprobieren… 

Mit Achtsamkeitstraining und (geführten) Affirmationen und Visualisierungen (üben, üben, üben…) konnte ich schon viel mehr anfangen und habe damit sehr gute erste Schritte gemacht. Für mich war immer klar, dass mein Kopf irgendwie eine Art „update“ oder „RESET“ braucht um die negativen durch positive Gedanken zu ersetzen. Allerdings brauchte ich lange, um den Anfang | die Ursache meiner Ängste zu finden, was schon hilfreich ist, um nicht „nur“ eine Verbesserung (was auch schon erleichternd ist) zu erreichen. 

Auf Empfehlung eines Freundes probierte ich sogar Hypnose aus. Der Kontroletti in mir ließ zwar nicht zu, dass da jemand einfach so an mein Unterbewusstsein rankommt, aber jeweils im Nachhinein zeigte sich dennoch eine Wirkung. In Kombination mit der neuen Offenheit mir selbst gegenüber und des Wissens, was ich mir mittlerweile angelesen hatte und wodurch ich die richtigen Schlüsse ziehen konnte, kam ich den Ursachen auf die Spur. Hypnose war also ein Puzzleteil für mich, kein Zaubermittel. 

Dann ging es ans Eingemachte

In den letzten Jahren habe ich lernen müssen und dürfen (ziemlich unbequem aber äußerst hilfreich) mich so intensiv mit mir auseinanderzusetzen, dass ich rausfinden konnte, was mir meine Seele mit dieser langwierigen und drastischen Aktion sagen wollte. 

Dazu gehört ein komplettes Bloßstellen vor sich selbst, das gnadenlose Ansehen von vermeintlichen Schwächen und erlernten Mustern. Und ja: für mich persönlich gehörte dazu tatsächlich das Aufdecken und Finden eines roten Fadens, der sich seit meiner Kindheit durch mein Leben zieht: es anderen Recht machen zu müssen, perfekt sein zu müssen um lieb gehabt | akzeptiert zu werden, bzw. im Umkehrschluss hatte ich durch tatsächliches Erfahren erlernt: wenn ich mich nicht so verhalte, wie es jemand anders möchte, droht Liebesentzug.

Dabei möchte ich betonen, dass ich dennoch eine wundervolle Kindheit hatte! Aber wir alle werden geprägt und tragen diese Muster bis ins Jetzt, ohne sie als Erwachsene bewusst infrage zu stellen, das tun wir in der Regel nur, wenn wir feststellen, dass es für uns wichtig ist, genauer hinzusehen.

Verhaltensmuster die mich prägten zu durchschauen und dann mit mittlerweile Ü40 zu lernen, dass ich nicht egoistisch bin, wenn ich auf meine innere Stimme höre (die ich nun überhaupt zu Wort kommen ließ) oder wenn ich mich selbst wertschätzend behandle- zu lernen, dass ich nicht perfekt sein muss um geliebt zu werden, dass ich „NEIN“ sagen darf ohne zu riskieren, dass sich dann jemand von mir abwendet und schlussendlich mich selbst endlich so anzunehmen und zu lieben wie ich bin. 

Mein Weg aus der Angst führte mitten durch

Ich musste der Angst begegnen. Allerdings nicht in Form des Kämpfens, wie ich es in den ersten Jahren tat, sondern durch wachsendes Vertrauen in mich selbst, durch fundiertes Wissen, was genau im Körper passiert, damit einhergehend die Gewissheit, dass die Befürchtungen, die Panikler haben, schlicht und ergreifend nicht zutreffen und dann das schrittweise Erlernen, dass die Angst wieder verschwindet (wenn man sie nicht durch Bekämpfen intensiviert), weil sie einem festgelegten Ablauf hat. Mit der Zeit wurde ich immer ruhiger, sicherer und habe meinen Weg gefunden. Und oft gehört und tatsächlich sehr wichtig: Im JETZT gibt es keine Angst, lerne im Moment zu sein. 

Mir persönlich hat dabei auch meine Leidenschaft | mein Beruf, das Malen geholfen. Beim kreativen Prozess komplett zu versinken, den Punkt nicht zu bemerken, an dem die lärmenden und lähmenden Gedanken zur Ruhe kommen und sich einzulassen auf die heilende Kraft dieses meditationsähnlichen Prozesses hat mir gerade in den schwersten Jahren unheimlich geholfen. 

Ich habe auf diesem Weg meine Berufung gefunden

Weil ich so oft gefragt wurde, wie ich es geschafft habe, habe ich meine ganz persönliche Geschichte aufgeschrieben. Mein Buch „Du bist so viel mehr als Deine Angst!“ ist im Herbst 2019 im MAIN Verlag, Edition Antheum spirit erschienen. Auf viele verschiedene Arten gehe ich dieser Berufung nach, Menschen Mut zu machen.

Ob durch Kunst, das Buch, als Coachin oder als Gründerin und Vorstand von „Mutruf“ – einander Halt geben e.V.
Mutruf ist ein Telefondienst, den ich gegründet habe, damit Menschen eine Panikattacke nicht alleine durchstehen müssen. Ehemals selbst Betroffene bieten aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen ehrenamtlich nun anderen Paniklern eine verständnisvollen Gesprächsmöglichkeit an. Wir wollen für andere da sein, denn Angst macht verdammt einsam.

Kürzlich habe ich gelesen: „Kurz nicht nachgedacht und ZACK – glücklich!“ 

Das ist es, was Panikler sich oft wünschen und ich zeige mit meinen Projekten Möglichkeiten auf und möchte Betroffenen die Hand reichen und direkt und unkompliziert Hilfe anbieten. Wenn unser Kopf und unser Herz mit positiven, schönen Erlebnissen beschäftigt und erfüllt sind, ist kein Platz für Angst, nur muss man da erst einmal wieder hinkommen…

Ich weiß, dass die Angst immer mein Begleiter sein wird, aber sie hat ihre Übermächtigkeit nicht mehr. Im Gegenteil, ich weiß, dass meine Seele sie für mich als „Hilfsmittel“ auserkoren hat, um mir zu zeigen, wenn ich gegen mich selbst handele. Solltest du selbst betroffen sein, möchte ich dir etwas mit auf den Weg geben, weil wir Panikler meist einen falschen Perfektionsanspruch haben: You are already perfect, darling.

@chris_gust



Wenn du gerade selbst mit Angst, Depressionen oder anderen psychischen Herausforderungen kämpfst, haben wir hier einen Brief an dich geschrieben. DU kannst auch andere ermutigen, erzähle Deine Geschichte! Wir freuen uns auch riesig über deine Nachricht oder deinen Kommentar! Wenn dir der Blog gefallen hat, kannst du ihn natürlich gerne liken, teilen und uns auf Facebook und Instagram folgen @theoceaninyoumind

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